{"id":669,"date":"2013-02-03T14:23:26","date_gmt":"2013-02-03T13:23:26","guid":{"rendered":"http:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/?page_id=669"},"modified":"2013-02-08T18:48:21","modified_gmt":"2013-02-08T17:48:21","slug":"10-projekt-lehrerbildung-1981","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/iml2\/das-buch\/entstehungsgeschichte\/10-projekt-lehrerbildung-1981\/","title":{"rendered":"10. &#8222;Projekt&#8220; Lehrerbildung (1981)"},"content":{"rendered":"<p>Nach Studienanschluss verdiente ich mir meine ersten Br\u00f6tchen als Forschungsassistent in kognitionspsychologischen Projekten (Flammer, Kaiser &amp; L\u00fcthi, 1981; Flammer, Kaiser &amp; M\u00fcller-Bouquet, 1981). Es ging in diesen Projekten um die Frage, ob und wie sich die Fragen, die Menschen in bestimmten Situationen stellen, vorhersagen lassen. Die Grundidee war einfach: Fragen dienen oft dazu, L\u00fccken im Wissen zu f\u00fcllen. Weiss man, wie eine Person ihr Wissen zu einem bestimmten Thema organisiert hat und kennt man ihre L\u00fccken, dann sollte man im Prinzip vorhersagen k\u00f6nnen, welche Fragen sie stellt. Wir machten Versuche mit Themen, bei denen wir eine ziemlich standardisierte Form der Wissensrepr\u00e4sentation vermuteten. Konkret waren dies Unfallmeldungen in Zeitungen und Kochrezepte. Diese Versuche waren nicht besonders erfolgreich und wurden mit der Zeit eingestellt.<\/p>\n<p>Aufgrund meiner erkenntnistheoretischen \u00dcberlegungen macht es keinen Sinn, eine solche Frage ohne klares Ziel zu verfolgen, da die Antwort von diesem Ziel abh\u00e4ngt. Ich dr\u00e4ngte darum in Projektsitzungen immer wieder darauf, die Ausgangsmotivation zu unseren Untersuchungen zu reflektieren. Diese hatte sehr direkt mit Lernen und Unterricht zu tun. Flammer war nach intensiven Auseinandersetzungen mit dem sogenannten Aptitude-treatment interaction Ansatz (ATI; Flammer, 1977) zur Ansicht gelangt. dass es schwierig bis unm\u00f6glich sein d\u00fcrfte, f\u00fcr jeden Sch\u00fcler genau seine &#8222;F\u00e4higkeiten&#8220; (aptitude) zu diagnostizieren und ihn dann massgeschneidert zu schulen (treatment). Sinnvoller schien es ihm daher, bei den Sch\u00fclern selbstgesteuertes Lernen zu f\u00f6rdern. Ein wichtiges Hilfsmittel, mit dem Sch\u00fcler ihr Lernen steuern k\u00f6nnen, sind aber die Fragen, die sie stellen. Und so lag es nahe Frageverhalten zu untersuchen.<\/p>\n<p>Je l\u00e4nger ich aber in diesem Projekt mitarbeitete, umso unsinniger schien mir seine Stossrichtung. Wollte man wirklich autonome Lernende, die durch Fragen ihr Lernen selbst steuern, dann machte es keinen Sinn, diese Fragen vorherzusagen. Denn w\u00e4re dies m\u00f6glich, br\u00e4uchten die Fragen nicht mehr gestellt zu werden. Der Lehrer k\u00f6nnte sie antizipieren und bereits vorg\u00e4ngig beantworten. Nahm man die Idee ernst, dass nur selbstgesteuertes Lernen flexibel genug auf die Bed\u00fcrfnisse der einzelnen Lernenden eingehen kann, dann schien es konsequenter, sich z.\u00a0B. das daraus entstehende Frage und Antwort Spiel zwischen Lernenden und Lehrenden genauer anzuschauen (vgl. <a title=\"11. Probleml\u00f6sen zu zweit (1980 \u2013 84)\" href=\"http:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/?page_id=671\">Probleml\u00f6sen zu zweit<\/a>)<\/p>\n<p>Aus dieser Unzufriedenheit heraus organisierte ich mit zwei Kollegen zusammen einen kleinen Aufstand am Institut. Wir forderten eine praktischere, an realen Zielen orientierte Ausrichtung der Forschung, und schlugen konkret ein Projekt vor zur Frage, wie man die Lehrerausbildung verbessern k\u00f6nnte. Daraus wurde nat\u00fcrlich nichts. Auch \u00fcberlebte unsere &#8222;Dreierbande&#8220; nur wenige Monate, bis jeder wieder seinen Partikularinteressen nachging.<\/p>\n<p>Interessant ist an dieser Episode, dass verschiedentlich zwei unterschiedliche Haltung auftauchen bez\u00fcglich der Frage, wer f\u00fcr das Gelingen des Lernens die Verantwortung tragen soll. Der ATI Ansatz \u00fcbergibt sie von der Stossrichtung her voll den Lehrenden. Sie sind f\u00fcr die Diagnose der F\u00e4higkeiten etc. der Lernenden verantwortlich, sie sind daf\u00fcr verantwortlich, dass darauf abgestimmt die Lernenden die richtige Art Unterricht etc. erfahren und schliesslich sind sie nat\u00fcrlich auch noch f\u00fcr die \u00dcberpr\u00fcfung der erreichten Lernziele zust\u00e4ndig. Die Gegenposition geht von einer geteilten Verantwortung aus. Die Lernenden sollen hier durch ihre Fragen etc. das Geschehen zumindest mit beeinflussen. Lernen und Unterricht wird als kooperativer Prozess aller Beteiligter aufgefasst.<\/p>\n<p>Meine eigene, urspr\u00fcngliche Fragestellung war der ersten Haltung verpflichtet (vgl. <a title=\"1. Ausl\u00f6ser (1971)\" href=\"http:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/?page_id=636\">Warum verstehen meine Kollegen meine Erkl\u00e4rungen nicht?<\/a>) und auch im eigenen Unterricht sollte ich noch lange Zeit immer wieder in diese Haltung zur\u00fcckfallen (vgl. <a title=\"12 Unbedarfter Unterricht (1982 -1987)\" href=\"http:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/?page_id=674\">Ziemlich unbedarfter Unterricht<\/a>). Auf theoretischer Ebene k\u00fcndete sich hier aber zu ersten Mal eine Hinwendung zu einer kooperativen Haltung an, die mir sp\u00e4ter auch als &#8222;Modell II Haltung&#8220; bei Sch\u00f6n (Sch\u00f6n, 1983) begegnete.<\/p>\n<h3>Literatur<\/h3>\n<ul>\n<li>Flammer, A. (1977) <strong>Aptitude-treatment interaction (ATI). &#8212; nach dem Abflauen der ersten Begeisterung<\/strong>. In: W. H. Tack: Bericht \u00fcber den 30. Kongress der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Psychologie in Regensburg 1976; Dand 2. <em>G\u00f6ttingen, Hogrefe;<strong> <\/strong>228-229<\/em>.<\/li>\n<li>Flammer, A., Kaiser, H. &amp; L\u00fcthi, R. (1981) <strong>Gewusst wie &#8211; gefragt wie<\/strong><em>. Forschungsbericht Nr. Nr. 27, Fribourg, Psychologischen Instituts der Universit\u00e4t Fribourg<\/em>.<\/li>\n<li>Flammer, A., Kaiser, H. &amp; M\u00fcller-Bouquet, P. (1981) <strong>Predicting what questions people ask<\/strong><em>.<\/em> <em>Psychological Research, 43; 407-420.<\/em><\/li>\n<li>Sch\u00f6n, D. A. (1983) <strong>The reflective practitioner: how professionals think in action<\/strong>. <em>New York: Basic Books<\/em>.<\/li>\n<\/ul>\n<p>&lt;&lt;<a title=\"9. Sokratische Dialoge (1980)\" href=\"http:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/?page_id=667\">vorher<\/a>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 <a title=\"11. Probleml\u00f6sen zu zweit (1980 \u2013 84)\" href=\"http:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/?page_id=671\">nachher<\/a>&gt;&gt;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach Studienanschluss verdiente ich mir meine ersten Br\u00f6tchen als Forschungsassistent in kognitionspsychologischen Projekten (Flammer, Kaiser &amp; L\u00fcthi, 1981; Flammer, Kaiser &amp; M\u00fcller-Bouquet, 1981). Es ging in diesen Projekten um die Frage, ob und wie sich die Fragen, die Menschen in &hellip; <a href=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/iml2\/das-buch\/entstehungsgeschichte\/10-projekt-lehrerbildung-1981\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"parent":632,"menu_order":9,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"sidebar-page.php","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-669","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/669","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=669"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/669\/revisions"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/632"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=669"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}