{"id":605,"date":"2013-02-03T13:11:59","date_gmt":"2013-02-03T12:11:59","guid":{"rendered":"http:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/?page_id=605"},"modified":"2013-02-08T18:53:56","modified_gmt":"2013-02-08T17:53:56","slug":"piaget-als-erkenntnistheoretiker-und-piaget-als-psychologe","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/iml2\/das-buch\/zusatzmaterial-zum-iml-buch\/piaget-als-erkenntnistheoretiker-und-piaget-als-psychologe\/","title":{"rendered":"Piaget als Erkenntnistheoretiker und Piaget als Psychologe"},"content":{"rendered":"<p>Piagets erkenntnistheoretischen \u00dcberlegungen haben meine Arbeit stark beeinflusst. Piaget sucht nun aber nicht nur ein Modell der logischen M\u00f6glichkeit von Erkenntnis, sondern er will eine Beschreibung der psychologischen Vorg\u00e4nge beim Lernen bieten. Deshalb war nach Abschluss meiner erkenntnistheoretischen Arbeit eine kritische Auseinandersetzung mit diesem Anspruch notwendig.<\/p>\n<p>Nimmt man die Idee ernst, dass Modelle ein Ziel haben, dann ist zu ihrer Bewertung nat\u00fcrlich die Kenntnis dieses Ziels notwendig. Bei Piaget ist nicht leicht zu sehen, welche Interessen er genau mit seinen Theorien verfolgt. Es gibt zwar an der einen oder anderen Stelle in den Einleitungen zu seinen B\u00fcchern entsprechende Bemerkungen. Zum Beispiel schreibt er in der &#8222;Entwicklung des r\u00e4umlichen Denkens beim Kinde&#8220; (Piaget, J. &amp; Inhelder, 1971), dass die Resultate dazu dienen k\u00f6nnten, den Unterricht in Geometrie etc. kindgerechter zu gestalten. Im restlichen Buch wird dies aber nicht mehr aufgegriffen oder gar systematisch bearbeitet. In anderen Werken ist \u00e4hnliches zu beobachten. Man ist also auf Vermutungen angewiesen, die sich auf seine Art zu argumentieren st\u00fctzen lassen.<\/p>\n<p>Im ganzen Werk von Piaget lassen sich &#8211; so scheint es mir wenigstens &#8211; deutlich drei Quellen ausmachen, die Piaget immer wieder heranzieht, um die Stimmigkeit seiner Theorien zu \u00fcberpr\u00fcfen.<\/p>\n<ol>\n<li>Die philosophische Tradition, insbesondere die Erkenntnistheorie.<\/li>\n<li>Mathematik und Logik<\/li>\n<li>Experimente<\/li>\n<\/ol>\n<h3>1. Konsistenz mit der philosophischen Tradition<\/h3>\n<p>Ein zentrales Anliegen Piagets &#8211; wie der philosophischen Tradition, der er sich verpflichtet f\u00fchlt &#8211; ist sicher der kosmologische \u00dcberblick. Sein Hauptbem\u00fchen geht darum, Mikrokosmos\/Ontogenese mit Makrokosmos\/Phylogenese in Einklang zu bringen. Er versucht z.\u00a0B. darzustellen, wie beim Erwerb von Erkenntnissen (d.h. der Regulationsmechanismen, die den Austausch zwischen Subjekt und Umwelt effizienter machen) sowohl beim einzelnen Individuum wie auch bei der Art die gleichen Mechanismen wirksam sind. Er geht dabei so vor, dass er Evolutionstheorie, Erkenntnistheorie und Entwicklungspsychologie auf einen Nenner zu bringen versucht (v.a. Piaget, 1973, 1974). Die Richtigkeit seiner Theorien begr\u00fcndet er weitgehend darauf, wieweit ihm diese angestrebte Synthese gelungen ist. Zentraler Ankerpunkt dieser Synthese ist die Einf\u00fchrung eines echt dialektischen Austausches zwischen Subjekt und Umwelt, der durch die Notwendigkeit eines flexiblen Gleichgewichts gelenkt wird.<\/p>\n<p>Der Versuch dieser Synthese bestimmt weitgehend die Richtung seines Denkens und die Form seiner Theorien. Durch diese philosophische Quelle sind folgende Aspekte seiner Theorie abgesichert :<\/p>\n<ul>\n<li>Der Mechanismus von Akkomodation und Assimilation<\/li>\n<li>Die &#8222;majorisierende \u00c4quilibration&#8220;, d.h. die fortschreitende Entwicklung flexiblerer Gleichgewichtsformen (Piaget, 1976).<\/li>\n<\/ul>\n<h3>2. Konsistenz mit Mathematik und Logik<\/h3>\n<p>Mathematische Systeme (v.a. Gruppentheorie, euklidische Geometrie) sind f\u00fcr Piaget die h\u00f6chsten bekannten Gleichgewichtsformen, d.h. die momentan &#8222;besten&#8220; Produkte der Phylogenese (Piaget, 1971, Piaget &amp; Inhelder, 1971). Ziel der Ontogenese ist es, den maximalen Stand der Phylogenese zu erreichen, d.h. die Endformen der Entwicklung des einzelnen Individuums sind eben die betrachteten mathematischen Systeme. Aufgabe einer Entwicklungstheorie ist es darzustellen, wie die einzelnen im Endzustand enthaltenen Gleichgewichtsformen (d.h. Konstanzen wie Mengenkonstanz etc.) der Reihe nach auftauchen. Durch die mathematische Quelle sind folgende Aspekte seiner Theorien abgesichert :<\/p>\n<ul>\n<li>Endzustand der Entwicklung<\/li>\n<li>die einzelnen &#8222;Konstanzen&#8220;, die erworben werden m\u00fcssen.<\/li>\n<\/ul>\n<h3>3. Experimentelle Evidenz<\/h3>\n<p>Die durch die &#8222;philosophische&#8220; und &#8222;mathematische Quelle&#8220; abgesicherte Theorie l\u00e4sst nur noch zwei experimentelle Fragen offen :<\/p>\n<ul>\n<li>Lassen sich Entwicklungsabschnitte bei Kindern beobachten, bei denen zu Beginn eine gewisse, vom Endzustand verlangte Konstanz noch nicht vorhanden ist, am Ende aber vorliegt?<\/li>\n<li>In welchem Alter wird welche Konstanz erworben?<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die empirische Frage ist also nicht, wohin sich die Kinder \u00fcberhaupt entwickeln. Als Endform werden einfach die entsprechenden mathematischen Systeme angenommen. Ja nicht einmal die Abfolge der Stufen wird empirisch gekl\u00e4rt. Sie wird aus dem logischen Aufbau der entsprechenden mathematischen Disziplin abgeleitet. So ist die Mengenlehre in der modernen Mathematik die Grundlage f\u00fcr die Zahlenlehre und entsprechend wird erwartet, dass die mit der Mengenlehre verbundenen Konstanzen auch vorher erworben werden. Piagets Experimente sollen nur zeigen, dass sich die von der Theorie behaupteten \u00dcberg\u00e4nge tats\u00e4chlich beobachten lassen, und legen in Form von Altersangaben gewisse &#8222;Naturkonstanten&#8220; fest, mit denen die Theorie rechnet.<\/p>\n<p>Dies ist grunds\u00e4tzlich kein Problem. Eine starke, hier auf Philosophie und Mathematik abgest\u00fctzte Theorie, erlaubt auch pr\u00e4zise Vorhersagen die sich gut testen lassen. Die Schwierigkeit bei Piaget ist nur, dass ich den Eindruck nicht los werde, dass ihm nur die ersten beiden oben formulierten Ziele (Konsistenz mit der philosophischen Tradition und Konsistenz mit Mathematik und Logik) wichtig waren. Vielleicht hat ihn sogar nur das erste davon wirklich interessiert. Seine empirischen Untersuchungen scheinen nur dazu zu dienen, um zu sehen ob die Theorie nicht in offensichtlichem Widerspruch zu Beobachtbarem steht. Piagets &#8222;empirische Forschung hatte daher nie die Aufgabe, &#8218;die&#8216; kognitive Entwicklung zu untersuchen. Ihr Anspruch ist bescheidener. Sie soll ausfindig machen, <em>ob<\/em> es Entwicklungsverl\u00e4ufe gibt, die als Ann\u00e4herungen an das vorg\u00e4ngig definierte Ziel der Entwicklung rekonstruiert werden k\u00f6nnen.&#8220; (Herzog, 1991, S. 291).<\/p>\n<p>Systematische empirische Untersuchungen, welche die Grundlagen der Theorie h\u00e4tten in Frage stellen k\u00f6nnen, wurden dann auch vor allem von anderen Autoren durchgef\u00fchrt. Und diese wurden dann auch f\u00fcndig (z.\u00a0B. Wilkening, 1978; Donaldson, 1982). Wenn man die einzelnen Resultate ganz kurz auf einen Nenner zu bringen versucht, dann zeigten diese Untersuchungen vor allem, dass Kinder die meisten Aufgaben viel fr\u00fcher bearbeiten k\u00f6nnen, wenn man sie weniger abstrakt formuliert, als dies Piaget getan hat. Herzog kritisiert dann an Piaget auch, dass seine Resultate f\u00fcr eine P\u00e4dagogik nur beschr\u00e4nkt brauchbar sind, da das einzige Ziel der von ihm beschriebenen Entwicklung die formalen Operationen sind (Herzog, 1991). Zudem k\u00f6nnen ganz kleine Kinder offensichtlich wesentlich mehr, als Piaget ihnen zutraut (Meltzoff, 1981).<\/p>\n<p>Gleichg\u00fcltig, f\u00fcr wie empirisch gesichert man Piagets Stufen und Entwicklungsverl\u00e4ufe h\u00e4lt, bietet sein Modell im weiteren das Problem, dass seine Beschreibung der Lernprozesse \u00e4usserst vage ist. Das Bild von fortschreitender Assimilation und Akkomodation ist sehr allgemein und \u00fcber den Hinweis hinaus, dass man eine Akkomodation provozieren kann, indem man ein Schema mit einer nicht assimilierbaren Situation konfrontiert, l\u00e4sst sich daraus kaum etwas ableiten.<\/p>\n<p>Aus der intensiven Auseinandersetzung mit Piaget resultieren f\u00fcr meine Arbeit also vor allem ein paar allgemeine Ideen:<\/p>\n<p><strong>Wissen\/Lernen<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Wissen entsteht in der aktiven Auseinandersetzung mit der Umwelt. Die aufgebauten Modelle sind dazu da, den Austausch zwischen Subjekt und Umwelt auf bestimmte Ziele hin zu steuern.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Lehren<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Eine M\u00f6glichkeit einen Lernprozess anzustossen, besteht darin, ein Schema, ein Modell mit einer Situation zu konfrontieren, die es nicht assimilieren kann.<\/li>\n<li>Aus dem logische Aufbau einer wissenschaftlichen Disziplin wie etwa der Mathematik l\u00e4sst sich nicht unbedingt ableiten, in welcher Reihenfolge die entsprechenden Inhalte gelernt werden m\u00fcssen. Dass die Mengenlehre innerhalb der Mathematik Grundlage der Zahlenlehre ist, heisst nicht, dass sie zuerst gelernt werden muss.<\/li>\n<\/ul>\n<h3>4. Literatur<\/h3>\n<ul>\n<li>Donaldson, M. (1982). <strong>Wie Kinder denken.<\/strong><em> Bern, Huber.<\/em><\/li>\n<li>Herzog, W. (1991). <strong>Piaget im Lichte der Ph\u00e4nomenologie: Eine p\u00e4dagogische Erkundung<\/strong>. In: <em>Herzog, M. &amp; Graumann, C. F.: Sinn und Erfahrung, Ph\u00e4nomenologische Methoden in den Humanwissenschaften. Heidelberg, Asanger: 288-312.<\/em><\/li>\n<li>Meltzoff, A. N. (1981). <strong>Imitation, intermodal coordination and representation in early infancy<\/strong>. In: <em>Butterworth, G.: Infancy and Epistemology: An Evaluation of Piagets Theory. Brigthon Sussex: 85-114.<\/em><\/li>\n<li>Piaget, J. (1971). <strong>Psychologie der Intelligenz<\/strong>.<em> Olten.<\/em><\/li>\n<li>Piaget, J. (1973 ). <strong>Einf\u00fchrung in die genetische Erkenntnistheorie<\/strong>.<em> Frankfurt a. M.<\/em><\/li>\n<li>Piaget, J. (1974). <strong>Biologie und Erkenntnis<\/strong>.<em> Frankfurt a. M.<\/em><\/li>\n<li>Piaget, J. (1976). <strong>Die \u00c4quilibration der kognitiven Strukturen<\/strong>.<em> Stuttgart, Klett.<\/em><\/li>\n<li>Piaget, J. &amp; Inhelder, B. (1971). <strong>Entwicklung des r\u00e4umlichen Denkens beim Kinde<\/strong>.<em> Stuttgart.<\/em><\/li>\n<li>Wilkening, F. (1978). <strong>Beachtung und Addition zweier Dimensionen: Eine Alternative zu Piagets Zentrierungsannahme.<\/strong> <em>Zeitschrift f\u00fcr Entwicklungspsychologie und P\u00e4dagogische Psychologie 10: 99-102.<\/em><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Piagets erkenntnistheoretischen \u00dcberlegungen haben meine Arbeit stark beeinflusst. Piaget sucht nun aber nicht nur ein Modell der logischen M\u00f6glichkeit von Erkenntnis, sondern er will eine Beschreibung der psychologischen Vorg\u00e4nge beim Lernen bieten. 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