{"id":603,"date":"2013-02-03T13:10:20","date_gmt":"2013-02-03T12:10:20","guid":{"rendered":"http:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/?page_id=603"},"modified":"2013-02-08T18:53:21","modified_gmt":"2013-02-08T17:53:21","slug":"erkenntnistheorie-und-wissenschaftstheorie","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/iml2\/das-buch\/zusatzmaterial-zum-iml-buch\/erkenntnistheorie-und-wissenschaftstheorie\/","title":{"rendered":"Erkenntnistheorie und Wissenschaftstheorie"},"content":{"rendered":"<h2>1. Empirismus und Konstruktivismus im Wissenschaftsbetrieb<\/h2>\n<p>Die Auswirkungen der beiden im Buch im Kapitel 2 beschrieben Haltungen lassen sich auch im Wissenschaftsbetrieb beobachten. &#8222;Empiristen&#8220; blenden die Entstehungsgeschichte ihrer Theorien aus. Da sich jede Hypothese in der Empirie und nur dort bew\u00e4hren muss, kann grunds\u00e4tzlich jeder Einfall zu einer \u00fcberpr\u00fcfenswerten Hypothese avancieren. Was zu einer Flut belanglosester Publikationen f\u00fchrt, die da und dort gerade in der Psychologie die Fachzeitschriften verstopfen. Analog vervielf\u00e4ltigen sich bei den &#8222;Konstruktivisten&#8220; Messverfahren etc.. Dies nicht so sehr in der Protophysik, wo es ja vor allem darum geht, l\u00e4ngst etablierte Begriffe zu &#8222;realisieren&#8220;, um das ganze Geb\u00e4ude der Physik nachtr\u00e4glich zu fundieren. Viel erfindungsreicher sind auch hier die Psychologen, wo die sogenannten &#8222;Operationalisierungen&#8220; ins Kraut schiessen (als Beispiel etwa die vielen Intelligenztests). Dabei handelt es sich erst noch um eine relativ simple Form des Konstruktivismus, da hier die Konstruktion nicht als Approximation an einen idealen Begriff verstanden wird, sondern Begriff und Operationalisierung direkt identisch gesetzt werden (Intelligenz ist, was der Intelligenztest misst).<\/p>\n<h2>2. Wissen als &#8222;Modell&#8220;<\/h2>\n<p>Um dieses Instrument zu beschreiben, bietet sich das Bild des Modells an. Ein Modell ist etwas, das etwas anderes zu einem bestimmten Zweck nachbildet.<\/p>\n<p>Etwas pr\u00e4ziser formuliert braucht man f\u00fcnf Bestimmungsst\u00fccke um ein Modell genauer zu beschreiben (nach Fertig, 1977):<\/p>\n<table width=\"99%\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"4\">\n<tbody>\n<tr>\n<td valign=\"top\" width=\"14%\">1. <strong>der Prototyp<\/strong>:<\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"86%\">der Ausschnitt der Wirklichkeit auf den sich das Modell bezieht<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=\"top\" width=\"14%\">2. <strong>das Subjekt<\/strong>:<\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"86%\">die Person, die das Modell aufstellt<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=\"top\" width=\"14%\">3. <strong>das System<\/strong>:<\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"86%\">die &#8222;Dinge&#8220; mit Hilfe derer das Modell gebaut wird<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=\"top\" width=\"14%\">4. <strong>das Ziel<\/strong>:<\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"86%\">der vom Subjekt gesetzte Zweck, dem die Modellierung dienen soll<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=\"top\" width=\"14%\">5. <strong>der Aspekt<\/strong>:<\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"86%\">der Punkt, in dem sich Modell und Prototyp \u00e4hnlich sind; aus der Umschreibung des Aspekts geht hervor, was am Modell &#8222;w\u00f6rtlich&#8220; zu nehmen ist und was nicht<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Interessant an dieser Art, Wissen zu betrachten, sind unter anderem folgende Punkte:<\/p>\n<h3>2.1 Baukasten<\/h3>\n<p>Um ein Modell zu bauen braucht es einen Baukasten (das Modellsystem). Im Falle der im Buch erw\u00e4hnten <em>Conceptual Dependencies<\/em> von Schank sind das die Bedeutungsatome sowie die Mittel, mit denen man mehrere solche Atome zu gr\u00f6sseren Gebilden zusammensetzen kann. Der Baukasten bringt gewisse strukturelle Beschr\u00e4nkungen mit sich, d.h. legt z.T. bereits fest, wie und was das Modell \u00fcberhaupt modellieren kann. Je nachdem \u00fcber welche Begriffe, Bilder etc. man verf\u00fcgt, sind gewisse Dinge vorstellbar und andere eben nicht.<\/p>\n<h3>2.2 Ziel<\/h3>\n<p>Jedes Modell wird im Hinblick auf ein bestimmtes Ziel aufgebaut. H\u00e4tte man beim Modellieren kein Ziel, so w\u00fcsste man nicht, was am Prototypen weggelassen werden kann und was abgebildet werden muss. Im Kontext des `Verstehens z.B. spielt die Frage des Ziels bei der Verarbeitungstiefe eine Rolle. Je nach Ziel wird man die Vorstellung, die man sich macht, mehr oder weniger elaborieren. Und nat\u00fcrlich bestimmt das Ziel mit, welcher Baukasten geeignet ist und wie entschieden werden kann, ob das Modell brauchbar ist. In die Diskussion rund um die Erkenntnistheorie hat Habermas (Habermas, 1968) die Idee des Ziels mit der Formulierung von unterschiedlichen erkenntnisleitenden Interessen eingef\u00fchrt.<\/p>\n<h3>2.3 positive, negative, neutrale Analogie<\/h3>\n<p>Bei jedem Modell gibt es Dinge, die nicht &#8222;w\u00f6rtlich&#8220; zu nehmen sind, die nicht wirklich etwas am Prototypen abbilden m\u00f6chten. Daraus, dass z.\u00a0B. das Modell einer Ritterburg aus Papier gemacht ist kann und soll man nicht schliessen, dass das Original ebenfalls aus Papier besteht. Man kann bei einem Modell drei verschiedene Arten des Bezugs zum Prototypen unterscheiden:<\/p>\n<ul>\n<li><strong>positive Analogien<\/strong> (der Aspekt): Dinge am Modell aus denen man direkt auf gewisse Eigenschaften des Prototypen schliessen kann. Ist z.\u00a0B. im Modell der Ritterburg der eine Turm h\u00f6her als der andere, so ist anzunehmen, dass dies im Original auch so ist.<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li><strong>neutrale Analogie<\/strong>: Neutrale Analogien sind Dinge am Modell, die zwar keine direkten Bezug zum Prototypen haben, die aber auch nicht die Verwendung des Modells im Sinne des Zieles behindern. Dass die Burg im Modell aus Papier besteht, d\u00fcrfte ein Beispiel f\u00fcr eine solche neutrale Analogie sein.<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li><strong>negative Analogien<\/strong>: Auch negative Analogien sind Dinge am Modell, die nicht wirklich etwas am Prototypen abbilden. Im Gegensatz zu neutralen Analogien, stehen sie aber einer zielgerechten Verwendung des Modells im Wege. Soll das Modell der Burg verwendet werden, um die Ausbreitung eines Feuers zu studieren, dann w\u00e4re das verwendete Papier wohl eine negative Analogie.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Sowohl neutrale wie negative Analogien lassen sich meist nicht verhindern. Im Beispiel mit dem Burgmodell muss das Modell aus irgend einem Material gebaut werden, auch wenn die Eigenschaften dieses Materials nicht von Interesse sind. Neutrale Analogien sind meist kein Problem, k\u00f6nnen aber zu einem werden, wenn sie als positive Analogien missverstanden werden. Negative Analogien sind ganz klar ein Problem, lassen sich aber oft trotzdem innerhalb des gegeben Baukastens nicht verhindern.<\/p>\n<h2>3. Der Forschungsprozess als fortschreitende Weiterentwicklung von Modellen<\/h2>\n<p>F\u00fcr den Forschungsprozess ergeben sich daraus, dass immer schon ein &#8222;altes&#8220; Modell existiert, ein paar Anregungen (Kaiser, 1980):<\/p>\n<h3>3.1 \u00dcberpr\u00fcfen des Modells an der konkreten St\u00f6rstelle<\/h3>\n<p>Eine neue Stufe im Prozess der Weiterentwicklung von Modellen beginnt, wenn ein Modell in einer konkreten Situation dem Modellierungsziel nicht gen\u00fcgt, d.h., wenn es eine konkrete Situation nicht richtig erfasst. Im allgemeinen l\u00e4sst sich dabei nicht einfach sagen, woran das liegt, es sei denn, das Problem, das diese St\u00f6rung bietet, ist bereits gel\u00f6st. Wird nun eine \u00c4nderung des Modells versucht, so kann die Wirksamkeit dieser \u00c4nderung nur an und in der Situation \u00fcberpr\u00fcft werden, in der die St\u00f6rung auftrat. Das klingt trivial, bedeutet aber konkret, dass es unsinnig ist, zur Entwicklung und Pr\u00fcfung des neuen Modells eine Testsituation aufzubauen, die stellvertretend f\u00fcr die konkrete Situation steht, in der das Versagen aufgetreten ist. Denn das Versagen ist ja gerade ein Hinweis darauf, dass man diese Situation nicht richtig erfasst hat, sie also unverstanden ist und es somit auch nicht m\u00f6glich ist, eine ihr ad\u00e4quate Modellsituation herzustellen.<\/p>\n<h3>3.2 Beziehung altes Modell &#8211; neues Modell<\/h3>\n<p>Dadurch, dass ein neues Modell geschaffen wird, wird das alte, das ja ausdr\u00fccklich als funktionierend vorausgesetzt wird, nicht aufgehoben. D.h., hat das alte Modell vor der Schaffung eines neuen sein Modellierungsziel erreicht, so ist das auch nach der Schaffung des neuen noch der Fall. (Dass eine St\u00f6rung auftritt, darf nicht so missverstanden werden, dass dadurch pl\u00f6tzlich das alte Modell g\u00e4nzlich unbrauchbar wird, sondern das heisst nur, dass eine neue Situation eingetreten ist, f\u00fcr die sich dieses Modell nicht eignet. F\u00fcr alle anderen Situationen, in denen es sich bew\u00e4hrt hat, bleibt das Modell brauchbar.) Damit ist klar, dass das neue Modell nicht einfach unabh\u00e4ngig vom alten sein kann, oder ihm einfach widersprechen kann. Das neue Modell muss das alte Modell (als &#8222;Spezialfall&#8220;) enthalten.<\/p>\n<h3>3.3 Konstruktion durch Vergleiche<\/h3>\n<p>Aus dem logischen Zusammenhang von altem und neuem Modell l\u00e4sst sich eine weitere Methode zur Gewinnung neuer, \u00fcbergreifender Modelle erarbeiten. Meistens existieren zu einem Prototyp oder zu \u00fcberlappenden Prototypen verschiedene Modelle mit zum Teil gleichem, zum Teil verschiedenem Modellierungsziel, Modellaspekten etc. Da ein Modell, das den Prototyp modelliert, der all diese verschiedenen Prototypen umfasst, und das den verschiedenen Modellierungszielen etc. gerecht werden will, all diese Modelle enthalten muss, k\u00f6nnen Ideen f\u00fcr dieses neue Modell aus dem Vergleich und der Kombination der alten gewonnen werden.<\/p>\n<h2>4. Literatur<\/h2>\n<ul>\n<li>Fertig, H. (1977). <strong>Modelltheorie der Messung<\/strong>.<em> Berlin, Duncker &amp; Humblot.<\/em><\/li>\n<li>Habermas, J. (1968). <strong>Erkenntnis und Interesse<\/strong>.<em> Frankfurt a. Main, Suhrkamp.<\/em><\/li>\n<li>Kaiser, H. (1980). <strong>Wissenschaftstheoretische und Erkenntnistheoretische \u00dcberlegungen im Rahmen der Sozialwissenschaften<\/strong>. <em>1980, unver\u00f6ffentlichte Lizentiatsarbeit, Universit\u00e4t Bern.<\/em><\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Empirismus und Konstruktivismus im Wissenschaftsbetrieb Die Auswirkungen der beiden im Buch im Kapitel 2 beschrieben Haltungen lassen sich auch im Wissenschaftsbetrieb beobachten. &#8222;Empiristen&#8220; blenden die Entstehungsgeschichte ihrer Theorien aus. 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