{"id":5350,"date":"2023-07-21T06:31:05","date_gmt":"2023-07-21T05:31:05","guid":{"rendered":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/?page_id=5350"},"modified":"2023-08-05T09:39:41","modified_gmt":"2023-08-05T08:39:41","slug":"forschung","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/forschung\/","title":{"rendered":"Forschung"},"content":{"rendered":"<p>Wenn die <a href=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/journalismus\/\">Produktionsbedingungen im Journalismus<\/a> v.a. die Auswahl der Themen beeinflussen, zu denen wir Denkwerkzeuge angeboten bekommen, so haben die Produktionsbedingungen in der Forschung vor allem einen Einfluss auf die Brauchbarkeit der angebotenen Produkte<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>.<\/p>\n<h2>1 Unreflektierte Ziele<\/h2>\n<p>Wie schon erw\u00e4hnt, <a href=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/unklare-interessen\/#nichtreflektiert\">reflektieren die meisten Wissenschaftler:innen die Ziele nicht<\/a>, zu deren Zweck sie ihre Denkwerkzeuge entwickeln. Die typische Haltung in der Wissenschaft ist, dass es um die Ergr\u00fcndung der \u201eWahrheit\u201c geht, auch wenn den meisten Wissenschaftler:innen bewusst sein d\u00fcrfte, dass dies nicht m\u00f6glich ist und dass ihre jeweilige \u201eWahrheit\u201c h\u00f6chstens eine vor\u00fcbergehende \u201eWahrheit\u201c ist.<\/p>\n<p>Um herauszufinden, ob die von der Wissenschaft entwickelten Denkwerkzeuge f\u00fcr die eigenen Zwecke n\u00fctzlich sind, braucht es daher oft ein wenig Detektivarbeit. Wie das Fallbeispiel <a href=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/journalistinnen-zitieren-fachartikel\/\">Beim Lernen von Mathematik sind abstrakte Beispiele n\u00fctzlicher als konkrete<\/a> zeigt, kann man sich dabei nur bedingt darauf abst\u00fctzen, was Wissenschaftler:innen sagen oder schreiben. Aussagekr\u00e4ftiger ist es nachzusehen, was sie tun bzw. getan haben. <a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><a name=\"_Toc127130940\"><\/a> Im Beispiel mit den Mathematikaufgaben musste ich zu diesem Zweck auf die Suche nach den Aufgaben gehen, die die Versuchspersonen zu l\u00f6sen hatten.<\/p>\n<p><strong>Die Arbeit Forschender beurteilt man besser danach, was sie tun, als danach, was sie sagen.<\/strong><\/p>\n<div style=\"background-color: lavenderblush;\">\n<p><strong>\u00a0<a name=\"_Toc127785101\"><\/a>Wirksamer Unterricht<\/strong><\/p>\n<p>2009 erschien die sogenannte Hattie-Studie<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>. John Hattie hatte sich die M\u00fche gemacht, eine riesige Menge von Untersuchungen zur Frage: \u201eWelche Art von Schulunterricht ist am wirksamsten?\u201c zusammenzutragen und daraus Schlussfolgerungen zu ziehen. Die Studie wirbelte einigen Staub auf und unter P\u00e4dagog:innen wurde heftig diskutiert, ob nun dank dieser Zusammenfassung gekl\u00e4rt sei, wie man am wirksamsten unterrichtet.<\/p>\n<p>Hattie selbst schrieb in einer methodischen Anmerkung (<em>meine \u00dcbersetzung<\/em>): \u201eNat\u00fcrlich k\u00f6nnte man behaupten, dass 800 Metaanalysen basierend auf vielen Millionen beobachteten Sch\u00fcler[:inne]n der Gipfel der \u201aFakten basierten\u2018 [engl. evidence based] Entscheidungsfindung sei. Aber die aktuelle Versessenheit auf \u201aFakten basiert\u2018 ignoriert viel zu h\u00e4ufig die Brille, durch die Forschende entscheiden, was sie (als Fakten) mit einschliessen, was sie ausschliessen und wie sie diese Fakten organisieren, um ihre Geschichte zu erz\u00e4hlen. Es ist die <em>Geschichte<\/em>, die hier der zentrale Beitrag sein soll \u2013 es ist die Sicht durch meine Brille auf die Fakten.\u201c<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Dass es Hattie um eine Geschichte geht, betont er auch an verschiedenen anderen Stellen.<\/p>\n<p>Hattie selbst ist sich also bewusst, dass er nicht die Wahrheit bieten kann, und sagt das auch. Er versucht nur \u2013 so seine eigenen Worte \u2013, eine <em>Geschichte<\/em> zu erz\u00e4hlen, welche die Resultate der Untersuchungen m\u00f6glichst \u00fcberzeugend zusammenfasst. Er tut das unter anderem, weil er hofft, Lehrpersonen so ein n\u00fctzlicheres Werkzeug in die Hand zu geben, als es eine alleinige Auflistung von Fakten sein k\u00f6nnte.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n<p>In der deutschen Ausgabe<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> wurde dann aber <em>Geschichte<\/em> (<em>story<\/em> im Original) an verschiedenen Stellen v\u00f6llig unzutreffend mit <em>Theorie<\/em> \u00fcbersetzt. Und im Vorwort der Herausgeber heisst es sogar, Hattie h\u00e4tte eine \u201eevidenzbasierte Theorie\u201c produziert! Eine Theorie aber ist etwas Absolutes, nicht ein Blick durch eine Brille. Eine Theorie hat den Anspruch, wahr oder falsch zu sein.<\/p>\n<p>D.h. sogar wenn ein Forscher selbst einen pragmatischen Zugang w\u00e4hlt und eine, nach seiner Meinung n\u00fctzliche, Geschichte erz\u00e4hlt, besteht die Gefahr, dass er vom Wissenschaftsbetrieb nicht geh\u00f6rt und seine Bem\u00fchungen unter dem nebligen Ziel der Wahrheitssuche eingeordnet werden.<\/p>\n<\/div>\n<h2>2 Entscheidungsgrundlagen, nicht Entscheide<\/h2>\n<p>Mit einem technischen Interesse erarbeitete Denkwerkzeuge machen Angaben, was wir tun m\u00fcssen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Sie sagen aber nichts dar\u00fcber aus, ob es sinnvoll oder w\u00fcnschenswert ist, dieses Ziel anzustreben. Wenn das <a href=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/fakten-in-den-medien\/#theater\">Theater der belagerten Stadt in Schutt und Asche geschossen werden soll<\/a>, dann sagt die klassische Mechanik, wie die Kanone auszurichten ist. Ob wir das Theater wirklich zerst\u00f6ren wollen\/sollen, dazu hat die Mechanik nichts zu sagen.<\/p>\n<p>Dasselbe gilt f\u00fcr die Klimakrise. Wenn wir wollen, dass der Meeresspiegel nicht steigt, bis ganz Bangladesch oder ganz New York unter Wasser sind, wenn wir nicht wollen, dass ganze Gebiete austrocknen, die bisher bestens f\u00fcr den Getreideanbau geeignet waren, etc., dann sagen uns die Klimamodelle, dass wir das erreichen k\u00f6nnen, wenn wir unseren CO? Ausstoss drastisch reduzieren. Aber ob wir New York und Bangladesch wirklich vor dem Untergang bewahren wollen, ist eine andere Frage. Dazu haben die Klimamodelle nichts zu sagen. Genauso wie die Klimamodelle nicht sagen k\u00f6nnen, ob die CO?-Reduktion wirklich der einzig m\u00f6gliche Weg ist, diese Ziele zu erreichen.<\/p>\n<p><a name=\"_Toc127130941\"><\/a><strong>Wissenschaftliche Denkwerkzeuge k\u00f6nnen uns sagen, was wir tun k\u00f6nnten, wenn wir bestimmte Ziele verfolgen. Sie k\u00f6nnen aber keine Aussagen dar\u00fcber machen, ob wir diese Ziele verfolgen sollen, und meist auch nicht, ob wir sie nur unter Einsatz genau dieser Denkwerkzeuge erreichen k\u00f6nnen.<\/strong><\/p>\n<p>Soll gehandelt werden, k\u00f6nnen Forschende daher ehrlicherweise nur zwei Dinge anbieten: a) Eine Liste m\u00f6glicher Ziele, zu deren Erreichung Werkzeuge vorhanden sind, und b) geeignete Werkzeuge, um ein ausgew\u00e4hltes Ziel zu erreichen.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a><\/p>\n<h2>3 Publiziere oder verschwinde<\/h2>\n<p>Wie im Journalismus ist eines der zentralen Ziele Forschender, Aufmerksamkeit zu erregen. Auch wenn es ihnen nicht allen darum geht, ber\u00fchmt zu werden, so m\u00fcssen doch die meisten f\u00fcr ihr Leben aufkommen und sind darauf angewiesen, dass jemand sie f\u00fcr ihre Arbeit bezahlt. Zu diesem Zweck m\u00fcssen sie die Aufmerksamkeit m\u00f6glicher Geldgeber wie staatlicher Institutionen, privater Unternehmen oder Sponsoren gewinnen. Im Rahmen des Wissenschaftsbetriebs erreichen sie das, indem sie Artikel publizieren, m\u00f6glichst viele Artikel.<\/p>\n<p>Verschiedene Institutionen publizieren einflussreiche Ranglisten, bei denen Forschende auf den ersten Pl\u00e4tzen landen, die m\u00f6glichst viel in m\u00f6glichst angesehenen Journalen publizieren. Publizierbar sind aber praktisch nur Erfolge, also Untersuchungen, die funktioniert haben und die auch ein Resultat erbracht haben. Daher stehen Forschende unter einem st\u00e4ndigen Druck, m\u00f6glichst sensationelle Resultate zu publizieren. Je sensationeller ein Resultat, umso gr\u00f6sser ist zudem die Chance, dass Journalist:innen darauf aufmerksam werden und so auch in anderen Medien als den Fachjournalen dar\u00fcber berichtet wird. Das hebt weiter das Ansehen und erh\u00f6ht die Chance darauf, an Geld zu gelangen. Macht man hier nicht mit, verschwindet man ganz schnell von der Bildfl\u00e4che. Auf Englisch wird dieser Zwang kurz mit \u201epublish or perish\u201c zusammengefasst.<\/p>\n<p>Durch diesen Druck wird jedes noch so vorl\u00e4ufige Resultat mit viel Aufwand beworben. Dabei ist ganz klar, dass man aus dem einmaligen erfolgreichen Einsatz eines neuen Denkwerkzeugs nicht viel ableiten kann. Der Erfolg k\u00f6nnte reiner Zufall gewesen sein oder sich nur genau in der Situation einstellen, die untersucht wurde. Ob ein wirklich brauchbares Werkzeug vorliegt, zeigt sich erst, wenn es mehrfach und von unterschiedlichen Personen eingesetzt wurde \u2013 man nennt das: wenn die Untersuchung repliziert wurde. Nur, Replikationen sind wenig originell, tragen kaum zum Ansehen derer bei, die sie machen, und finden daher selten statt.<\/p>\n<p>Es gibt einzelne Studien, in denen systematisch versucht wurde, gr\u00f6ssere Mengen von Resultaten zu replizieren. Die Resultate sind ern\u00fcchternd. In einer Studie im Pharma-Bereich, durchgef\u00fchrt von Bayer Pharmaceuticals, wurden 67 publizierte Resultate untersucht, 53 davon, also knapp 4\/5, konnten nicht repliziert werden.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> Andere \u00e4hnliche Studien kamen zum Schluss, dass von medizinischen Laboruntersuchungen mehr als die H\u00e4lfte auch nicht ein einziges Mal, geschweige denn mehrmals, repliziert werden konnten. Naomi Oreskes fasst entsprechend zusammen (meine \u00dcbersetzung): \u201eIn der Wissenschaft sollten wir gegen\u00fcber jedem einzelnen Artikel skeptisch sein. Wissenschaftliche Entdeckung ist ein Prozess, nicht ein Event.\u201c <a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a><\/p>\n<p>F\u00fcr uns als m\u00f6gliche Abnehmer von durch die Forschung entwickelten Denkwerkzeugen heisst das:<\/p>\n<p><a name=\"_Toc127130942\"><\/a><strong>Berichte \u00fcber wissenschaftliche Denkwerkzeuge, die bisher erst einmal erfolgreich eingesetzt wurden, k\u00f6nnen f\u00fcr uns Hinweise auf m\u00f6gliche neue Entwicklungen sein. Ob es sich um brauchbare Werkzeuge handelt, zeigt sich aber erst, wenn sich diese Werkzeuge auf breiter Basis bew\u00e4hrt haben.<\/strong><\/p>\n<p>Wenn wir, wie ich hier vorschlage, nach n\u00fctzlichen Denkwerkzeugen und nicht nach wahren Theorien oder Fakten suchen, sollte diese Empfehlung nicht \u00fcberraschen. Selbstverst\u00e4ndlich wissen wir erst, ob ein Werkzeug wirklich n\u00fctzlich ist, wenn es sich an verschiedenen Orten und in den H\u00e4nden verschiedener Personen bew\u00e4hrt hat. Also abwarten, wenn wieder einmal eine Entdeckung Schlagzeilen macht.<\/p>\n<p>Weiter lesen &gt;&gt; <a href=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/wissenschaftlerinnen\/\">Wissenschaftler:innen<\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Oreskes, N. (2019). Why Trust Science? Princeton: Princeton University Press.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Oreskes (2019), S. 48<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Hattie, J. (2009). Visible Learning. London: Routledge.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Hattie, J. (2009). Visible Learning. London: Routledge, S. 282<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Herzog, W. (2014). Weshalb uns Hattie eine Geschichte erz\u00e4hlt. ZISU \u2013 Zeitschrift f\u00fcr interpretative Schul- und Unterrichtsforschung, 3, 130\u2013143.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Hattie, J. (2013). Lernen sichtbar machen: Baltmannsweiler.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Pielke, R. A. (2007). The Honest Broker. Making Sense of Science in Policy and Politics. Cambridge: Cambridge University Press.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Oreskes (2019), S. 206<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Oreskes (2019), S. 233<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn die Produktionsbedingungen im Journalismus v.a. die Auswahl der Themen beeinflussen, zu denen wir Denkwerkzeuge angeboten bekommen, so haben die Produktionsbedingungen in der Forschung vor allem einen Einfluss auf die Brauchbarkeit der angebotenen Produkte[1]. 1 Unreflektierte Ziele Wie schon erw\u00e4hnt, &hellip; <a href=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/forschung\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"parent":2676,"menu_order":32,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"sidebar-page.php","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-5350","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/5350","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5350"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/5350\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5405,"href":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/5350\/revisions\/5405"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/2676"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5350"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}