{"id":5273,"date":"2023-07-16T14:15:36","date_gmt":"2023-07-16T13:15:36","guid":{"rendered":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/?page_id=5273"},"modified":"2023-07-22T08:00:30","modified_gmt":"2023-07-22T07:00:30","slug":"expertinnen-im-interview","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/expertinnen-im-interview\/","title":{"rendered":"Expert:innen im Interview"},"content":{"rendered":"<p>Immer wieder kommen in den Medien Expert:innen nicht <a href=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/journalistinnen-als-expertinnen\/\">direkt zu Wort<\/a>, sondern werden von Journalist:innen befragt, die dann das weitergeben, was sie verstanden haben. \u00c4hnliches geschieht, wenn Journalist:innen einen Fachartikel lesen \u2013 die verschriftlichte Meinung von Expert:innen \u2013 und diesen zusammenfassen.<\/p>\n<div style=\"background-color: lavenderblush;\">\n<p><a name=\"_Toc127785094\"><\/a><strong>Mathematik der Corona-Zahlen<\/strong><a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Paula Schneider berichtet auf fokus.de von einem Gespr\u00e4ch mit dem Mathematiker Moritz Ka\u00dfmann, 17.04.2020, 20:59 Uhr<\/p>\n<p>Das Robert-Koch-Institut in Deutschland hatte damals angefangen, Verdopplungszahlen zu publizieren, im Sinne von: Bei der jetzigen Ansteckungsrate w\u00fcrden sich die Fallzahlen alle X Tage verdoppeln. Ka\u00dfmann versucht zu Beginn zu erkl\u00e4ren, warum er als Mathematiker mit dieser Verdopplungszahl M\u00fche hat. Paula Schneider zitiert ihn: \u201eWer diese Zahl benutzt, setzt voraus, dass ein exponentielles Wachstum mit konstanter Wachstumsrate vorliegt, beziehungsweise, dass die Verdopplungszeit konstant ist\u201c. Ka\u00dfmann versucht das anhand eines Beispiels zu illustrieren und Paula Schneider fasst die Schlussfolgerungen aus dem Beispiel zusammen: \u201eDabei handelt es sich also nicht um eine Momentaufnahme, sondern um die Entwicklung \u00fcber einen bestimmten Zeitraum. Nur dann k\u00f6nne man von exponentiellem Wachstum sprechen und eine Verdopplungszeit bestimmen. \u201aDas war jedoch schon zu dem Zeitpunkt nicht mehr der Fall, als \u00fcber Verdopplungszeiten diskutiert wurde\u2018, betont der Mathematiker. \u201aIn Wahrheit schwankte bereits damals diese Zahl.\u2018\u201c<\/p>\n<p>Paula Schneider (oder die Redaktion) setzt dann den Zwischentitel:<\/p>\n<p><strong>Kein exponentielles Wachstum in Deutschland<\/strong><\/p>\n<p>Und f\u00e4hrt fort:<\/p>\n<p>\u201eF\u00fcr einen Mathematiker bedeute das, dass er mit einer solchen Zahl nicht mehr arbeiten k\u00f6nne. Denn die Grundlage, ein Wachstum mit einer konstanten Wachstumsrate sei nicht gegeben. [\u2026] Sinnvoller sei der Blick auf die\u00a0Netto-Reproduktionsrate. Das sei f\u00fcr Fachleute derzeit wohl die beste Zahl, um die Entwicklung der Pandemie einzuordnen. \u201aDiese Rate gibt an, wie sich das Infektionsgeschehen wirklich entwickelt\u2018, erkl\u00e4rt der Mathematiker. \u201aSie sagt aus, wie viele weitere Menschen eine infekti\u00f6se Person ansteckt.\u2018 [&#8230;] \u201aF\u00fcr die Kommunikation in der \u00d6ffentlichkeit halte ich sie jedoch nicht besonders gut geeignet\u2018, betont Ka\u00dfmann.<\/p>\n<p>Denn diese Zahl sei recht kompliziert zu berechnen, au\u00dferdem von Laien schwer einzuordnen. \u201aAuf den ersten Blick mag es keinen gro\u00dfen Unterschied machen, ob die Zahl bei 0,8 oder 1,2 liegt \u2013 f\u00fcr die Entwicklung des Infektionsgeschehens ist der Unterschied jedoch vehement\u2018, betont er. Denn eine Infektionsrate unter 1 bedeute, dass sich das Virus langsamer ausbreite, eine \u00fcber 1, dass es sich schneller ausbreite.\u201c<\/p>\n<\/div>\n<p>Da ich selbst auch Mathematik studiert habe, kann ich Herrn Ka\u00dfmanns Bedenken aus mathematischer Sicht nachvollziehen. Sein Ziel ist es, mathematisch saubere Verh\u00e4ltnisse zu haben. Das Ziel des Robert-Koch-Instituts ist hingegen ein anders, n\u00e4mlich f\u00fcr die Allgemeinheit intuitiv nachvollziehbare Zahlen zu liefern. Ob sich diese beiden Ziele decken, ist fraglich, da Ka\u00dfmann ja selbst zugibt, dass die von ihm bevorzugte Netto-Reproduktionsrate f\u00fcr die Kommunikation in der \u00d6ffentlichkeit nicht besonders geeignet ist.<\/p>\n<p>Paula Schneider versteht sein Hauptanliegen jedenfalls nicht wirklich. Der Zwischentitel \u201ekein exponentielles Wachstum in Deutschland\u201c ist so nicht korrekt. Ka\u00dfmann sagt zwar, dass kein \u201eexponentielles Wachstum mit konstanter Wachstumsrate\u201c vorliegt (denn sonst w\u00e4ren die Verdopplungszahlen mathematisch vertretbar). Aber das heisst nicht, dass man nicht von einem exponentiellen Wachstum sprechen kann, nur muss man sich bewusst sein, dass die Wachstumsrate schwankt. Zudem ist das weltweit \u00fcberall der Fall, nicht nur in Deutschland.<\/p>\n<p>Und auch die zusammenfassende Aussage \u201eeine Infektionsrate unter 1 bedeute, dass sich das Virus langsamer ausbreite\u201c ist missverst\u00e4ndlich. Eine Infektionsrate von bspw. 0.8 heisst, dass 10 infizierte Personen im Schnitt nur 8 neue Personen anstecken. Diese 8 Personen werden dann wieder etwa 6 weitere anstecken, etc. \u2013 bis die Neuinfektionen mit der Zeit ganz verschwinden. Nat\u00fcrlich kann man dem sagen \u201edas Virus breitet sich langsamer aus\u201c. Aber das ist auch der Fall, wenn die Reproduktionsrate 2 (10 Infizierte stecken 20 an) anstatt 10 (10 Infizierte stecken 100 an) ist. Die gute Nachricht einer Reproduktionsrate unter 1 ist, dass die Anzahl Infizierter langsam aber sicher zur\u00fcckgeht.<\/p>\n<p>Die Problematik der Konstellation \u201eJournalist:innen befragen Expert:innen und geben wieder, was sie verstanden haben\u201c liegt im \u201ewas sie verstanden haben\u201c. Wir erfahren nicht direkt, was die befragten Expert:innen sagten bzw. sagen wollten, sondern was die Journalist:innen aufgenommen haben. Sind die Journalist:innen selbst Expert:innen zum Thema \u2013 w\u00e4re bspw. Paula Schneider im Fallbeispiel oben Mathematikerin \u2013, besteht hier kein Problem. Alle Expert:innen nehmen zur Kenntnis, was andere Expert:innen \u00fcber ihre jeweiligen Denkwerkzeuge zu sagen haben und verarbeiten dieses. Journalist:innen hingegen sind zwar oft Expert:innen bez\u00fcglich der mediengerechten Darstellung von Inhalten, aber selten bez\u00fcglich des Themas, zu dem sie jemanden befragen. Und wie ich aus eigener Erfahrung als ab und zu von den Medien zitierter Experte berichten kann, ist dann das, was die Journalist:innen sagen, oft nicht das, was die Expert:innen sagen wollten.<\/p>\n<p>So auch im Fallbeispiel oben. Der Zwischentitel \u201ekein exponentielles Wachstum in Deutschland\u201c kann so verstanden werden, dass Deutschland irgendwie von der Gefahr eines explosionsartigen Anstiegs der Fallzahlen verschont bleibt. Etwas, dass Moritz Ka\u00dfmann mit Sicherheit nicht sagen wollte.<\/p>\n<p><a name=\"_Toc127130935\"><\/a><strong>Wenn Journalist:innen Expert:innen zitieren, erf\u00e4hrt man v.a. etwas \u00fcber das Denkwerkzeug der Journalist:innen, kaum etwas \u00fcber das der Expert:innen. Entsprechend macht es Sinn, die Qualit\u00e4t der Quelle nicht nach der Qualit\u00e4t der Expert:innen, sondern nach der<a href=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/expertinnen\/\"> Qualit\u00e4t der Journalist:innen als Expert:innen<\/a> f\u00fcr das angesprochene Thema zu beurteilen.<\/strong><\/p>\n<p>Weiter lesen &gt;&gt; <a href=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/journalistinnen-zitieren-fachartikel\/\">Journalist:innen zitieren Fachartikel<\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> <a href=\"https:\/\/amp.focus.de\/gesundheit\/news\/mathematiker-moritz-kassmann-auf-verdopplungszeiten-zu-schauen-macht-mathematisch-keinen-sinn_id_11890427.html\">https:\/\/amp.focus.de\/gesundheit\/news\/mathematiker-moritz-kassmann-auf-verdopplungszeiten-zu-schauen-macht-mathematisch-keinen-sinn_id_11890427.html<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immer wieder kommen in den Medien Expert:innen nicht direkt zu Wort, sondern werden von Journalist:innen befragt, die dann das weitergeben, was sie verstanden haben. \u00c4hnliches geschieht, wenn Journalist:innen einen Fachartikel lesen \u2013 die verschriftlichte Meinung von Expert:innen \u2013 und diesen &hellip; <a href=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/expertinnen-im-interview\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"parent":2676,"menu_order":29,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"sidebar-page.php","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-5273","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/5273","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=5273"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/5273\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5377,"href":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/5273\/revisions\/5377"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/2676"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=5273"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}