{"id":5237,"date":"2023-07-09T08:50:46","date_gmt":"2023-07-09T07:50:46","guid":{"rendered":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/?page_id=5237"},"modified":"2023-07-18T12:01:58","modified_gmt":"2023-07-18T11:01:58","slug":"journalistinnen-als-expertinnen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/journalistinnen-als-expertinnen\/","title":{"rendered":"Journalist:innen als Expert:innen"},"content":{"rendered":"<p>Neben den <a href=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/journalismus\/\">generellen Verzerrungen, die sich bei der Berichterstattung durch die Medien<\/a> beobachten l\u00e4sst und die zu ber\u00fccksichtigen sind, stellt sich bei jedem einzelnen Bericht immer wieder neu die Frage, ob man diesem vertrauen kann. Dabei stellt sich diese Frage, je nachdem um welche Art von Meldung es geht, etwas anders. Ich m\u00f6chte hier auf drei F\u00e4lle spezifisch eingehen:<\/p>\n<ul>\n<li>Expert:innen melden sich selbst zu Wort<\/li>\n<li>Interviews mit Expert:innen<\/li>\n<li>Berichte \u00fcber \u201eFakten\u201c<\/li>\n<\/ul>\n<p>Manchmal sind die Autor:innen eines Medien-Beitrags ganz klar Expert:innen f\u00fcr die dargestellten Denkwerkzeuge. Wenn <a href=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/triangulation\/\">Jimmy als erfahrener Bastler<\/a> illustriert, wie er ein Brett ohne grosse Rechnerei in mehrere gleich breite Bahnen unterteilt, dann sehen wir hier einen Experten am Werk und k\u00f6nnen ihn danach beurteilen, wie wir jeden anderen Experten beurteilen w\u00fcrden. Wenn wir selbst vor der Aufgabe stehen, ein Brett in drei gleiche Teile zu zerlegen, dann decken sich seine und unsere Zielsetzung. Wie er im Video zeigt, kann er mit dem vorgeschlagenen Denkwerkzeug umgehen, hat also Erfahrung damit. Und die ganze Situation im Video mit seiner Werkstatt vermittelt den Eindruck, dass es nicht das erste Mal ist, dass er ein Brett in der Hand hat, dass seine Erfahrung also eine gewisse Breite hat. Selbstverst\u00e4ndlich k\u00f6nnte das alles Show sein und Jimmy nur ein Schauspieler, bezahlt daf\u00fcr, uns etwas vorzuf\u00fchren. Bei Jimmy kann ich mir aber beim besten Willen nicht vorstellen, wer hier ein <a href=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/verschleierte_interessen\/\">verschleiertes Interesse<\/a> haben k\u00f6nnte und bin deshalb bereit, das Bild, das das Video vermittelt, als zutreffend zu akzeptieren. Zudem k\u00f6nnen wir in diesem Fall leicht selbst \u00fcberpr\u00fcfen, ob das vorgestellte Denkwerkzeug seinen Zweck erf\u00fcllt.<\/p>\n<p><a name=\"_Toc127130934\"><\/a><strong>Melden sich Expert:innen \u00fcber die Medien direkt zum Wort, <a href=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/expertinnen\/\">kann man sie wie alle anderen Expert:innen beurteilen<\/a>.<\/strong><\/p>\n<p>Auch Luzia Tschirky, die Autorin des Textes im folgenden Fallbeispiel, ist eine Expertin. Sie berichtet f\u00fcr Radio und Fernsehen SRF aus Russland und den ehemaligen Gebieten der UdSSR, fr\u00fcher sporadisch, seit 2019 als offizielle Korrespondentin. Sie hat 2013 die Maidan-Proteste in Kiew vor Ort erlebt und wurde im Januar 2021 in Minsk auf offener Strasse verhaftet, sp\u00e4ter dann wieder freigelassen. Sie reist und beobachtet, f\u00fchrt Gespr\u00e4che und berichtet dar\u00fcber in Radio und Fernsehen, sie verf\u00fcgt also definitiv \u00fcber eine breite Anwendungserfahrung f\u00fcr bestimmte Denkwerkzeuge. Die Beurteilung, ob sie eine f\u00fcr uns n\u00fctzliche Expertin ist, ob es uns etwas bringt, wenn wir ihre Einsch\u00e4tzung der Lage teilen, ist aber etwas weniger klar als im Fall von Jimmy. Dies beginnt schon mit der Frage, welches unser Verwendungszweck ist, d.h. wozu wir das Denkwerkzeug einsetzen wollen.<\/p>\n<div style=\"background-color: lavenderblush;\">\n<p><a name=\"_Toc127785093\"><\/a><strong>Strategie mit Explosionsgefahr<\/strong><a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Eine Analyse von Luzia Tschirky, 2.12.2021, 21:05 Uhr:<\/p>\n<p>\u201eDer russische Aussenminister Lawrow hat sich am Donnerstag unter klarem Auftrag des Kremls mit seinem US-amerikanischen Amtskollegen Blinken in Stockholm getroffen. F\u00fcr Russlands Regierung ungew\u00f6hnlich transparent, gab Wladimir Putin am Mittwoch im Vorfeld \u00f6ffentlich bekannt, welche Forderung Moskau an Washington stellt.<\/p>\n<p>Der Kreml wolle eine schriftliche Zusicherung, dass die Ukraine nicht der Nato beitrete. Damit h\u00e4tte er pers\u00f6nlich klargestellt, weswegen er in den vergangenen Wochen wieder vermehrt Milit\u00e4rfahrzeuge, Waffen und Soldaten in das Grenzgebiet zur Ukraine auffahren hat lassen. Wie im Fr\u00fchling, scheint Wladimir Putin den Eindruck erwecken zu wollen, ein offener Einmarsch russischer Truppen k\u00f6nne unmittelbar bevorstehen.<\/p>\n<p><strong>Mit Waffen zum Scheinriesen<\/strong><\/p>\n<p>Die Strategie Putins, sich Gespr\u00e4che auf Augenh\u00f6he mit der Supermacht USA erzwingen zu wollen, hat auch innenpolitische Gr\u00fcnde. Russlands Pr\u00e4sident inszeniert sich selbst gerne als Staatsmann von Welt, der Russland zur\u00fcck auf die B\u00fchne der Grossm\u00e4chte gebracht hat.<\/p>\n<p>Dieses Image ist einer der zentralen Pfeiler f\u00fcr die Unterst\u00fctzung des Pr\u00e4sidenten in der Bev\u00f6lkerung. \u00d6konomisch gesehen ist Russland ein Zwerg und hat im Unterschied zu China ausser \u00d6l und Gas kaum wirtschaftliche Druckmittel gegen\u00fcber dem Westen. So bleibt Putin nur milit\u00e4rische Gewalt als Druckmittel.<\/p>\n<p><strong>Ein Bluff auf Zeit<\/strong><\/p>\n<p>Doch selbst wenn diese Strategie im Fr\u00fchling f\u00fcr einmal funktioniert haben sollte und sich Biden mit Putin in Genf getroffen hat, nachdem Russlands Milit\u00e4r entlang der Grenze Truppen\u00fcbungen durchgef\u00fchrt hatte, ist diese Strategie langfristig zum Scheitern verurteilt. Damit eine Drohkulisse ernst genommen wird, muss sie von Mal zu Mal ausgebaut werden. Eine tats\u00e4chliche Eskalation scheint dabei immer mehr zu einem realen Risiko zu werden.<\/p>\n<p>Entgegen allen Klischees vom grossen Strategen hat Wladimir Putin bez\u00fcglich der Ukraine keine wirklich langfristig durchdachte Strategie. Auch eine schriftliche Zusicherung aus Washington bringt die Ukraine nicht zur\u00fcck in den Einflussbereich Moskaus. Dies macht das Spiel von Putin mit dem Feuer kurzfristig nicht weniger gef\u00e4hrlich.\u201c<\/p>\n<\/div>\n<p>Ich kann nicht wissen, mit welchem Interesse Sie Nachrichten und Analysen \u00fcber die Entwicklung im Einflussbereich Russlands verfolgen oder verfolgten \u2013 sofern sie das \u00fcberhaupt tun. Bei mir selbst bin ich mir dar\u00fcber aber recht sicher: Damals wollte ich wissen, ob sich der Konflikt mit der Ukraine in eine Richtung entwickelt, bei der ich mir Sorgen \u00fcber m\u00f6gliche Auswirkungen auf mein Leben machen m\u00fcsste.<\/p>\n<p>Verfolgte Luzia Tschirky mit ihrer Analyse denselben Zweck? Ich denke schon, denn wenn es ihr auch nicht um mein Leben geht, so versuchte sie doch eine m\u00f6gliche Entwicklung in der Ostukraine vorherzusagen. Ich sehe auch keinen Grund anzunehmen, dass sie damals nur vorgab, das zu tun und im Hintergrund eine andere Absicht verfolgte.<\/p>\n<p>Ihr Hauptwerkzeug ist eine Einsch\u00e4tzung der Absichten und Ziele des russischen Pr\u00e4sidenten Putin. Sie kommt zum Schluss, dass er nicht im Ernst die Ostukraine besetzen m\u00f6chte, sondern dass es ihm \u201enur\u201c darum geht, international ernst genommen zu werden. Mit dem Einsatz ihres Denkwerkzeuges hat sie Erfahrung, d.h. sie berichtet nicht nur dar\u00fcber, wie man allenfalls Putin einsch\u00e4tzen k\u00f6nnte, sondern sie nimmt selbst eine Einsch\u00e4tzung vor. Wie breit diese Erfahrung ist, ist hingegen nicht so klar, war sie doch in jenem Moment erst seit zwei Jahren als offizielle Korrespondentin von SRF t\u00e4tig. Als Konsequenz ordnete ich ihre Einsch\u00e4tzung einmal als interessanten Beitrag ein, war aber noch nicht bereit, die Denkfigur \u201ePutin m\u00f6chte einfach Aufmerksamkeit\u201c direkt als n\u00fctzliches Denkwerkzeug f\u00fcr mich zu adoptieren. Dazu h\u00e4tte ich mehrere \u00fcbereinstimmende Einsch\u00e4tzungen gebraucht.<\/p>\n<p>Ein weiterer Experte, der sich zum Thema zu Wort meldete, war Thomas J\u00e4ger, Inhaber des Lehrstuhls f\u00fcr Internationale Politik und Aussenpolitik an der Universit\u00e4t zu K\u00f6ln.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Auch er ging davon aus, dass Putin die Ukraine nicht wirklich besetzen will. Und er teilte mit Luzia Tschirky die Einsch\u00e4tzung, dass Putin sich innenpolitisch profilieren kann, wenn er erreicht, dass die USA mit ihm verhandelt. Nach J\u00e4ger geht es Putin aber um mehr, n\u00e4mlich darum \u201eden bestimmenden Einfluss auf die Ukraine wieder herzustellen\u201c und deshalb wird er auf keinen Fall zulassen, dass sich die Ukraine n\u00e4her an den Westen (Nato, EU) bindet. Im Gegensatz zu Tschirky, die die Gefahr vor allem darin sah, dass Putin jedes Mal gr\u00f6sseres Gesch\u00fctz auffahren muss, um wahrgenommen zu werden, erwartete J\u00e4ger zus\u00e4tzlich echte Probleme, wenn der Westen die Ukraine allzu fest einzubinden versucht.<\/p>\n<p>Da sich die beiden Expert:innen bez\u00fcglich dieses Punktes einig waren, war ich bereit zu glauben, dass Putin die Ukraine nicht einfach so annektieren m\u00f6chte. Wie bekannt, hat sich das allerdings als falsch erwiesen.<\/p>\n<p>Weiter lesen &gt;&gt; <a href=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/expertinnen-im-interview\/\">Expert:innen im Interview<\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.srf.ch\/news\/international\/konflikt-in-der-ostukraine-strategie-mit-explosionsgefahr\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.srf.ch\/news\/international\/konflikt-in-der-ostukraine-strategie-mit-explosionsgefahr<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.focus.de\/politik\/ausland\/gastbeitrag-von-thomas-jaeger-100-000-soldaten-stehen-bereit-was-putin-jetzt-in-der-grenze-zur-ukraine-plant_id_24481793.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.focus.de\/politik\/ausland\/gastbeitrag-von-thomas-jaeger-100-000-soldaten-stehen-bereit-was-putin-jetzt-in-der-grenze-zur-ukraine-plant_id_24481793.html<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neben den generellen Verzerrungen, die sich bei der Berichterstattung durch die Medien beobachten l\u00e4sst und die zu ber\u00fccksichtigen sind, stellt sich bei jedem einzelnen Bericht immer wieder neu die Frage, ob man diesem vertrauen kann. 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