{"id":5232,"date":"2023-07-09T08:43:31","date_gmt":"2023-07-09T07:43:31","guid":{"rendered":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/?page_id=5232"},"modified":"2023-07-18T13:14:02","modified_gmt":"2023-07-18T12:14:02","slug":"journalismus","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/journalismus\/","title":{"rendered":"Journalismus"},"content":{"rendered":"<p>Aber auch wenn wir <a href=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/selbst-zur-expertin-zum-experten-werden\/\">selbst in einem Bereich zur Expertin, zum Experten werden<\/a>, k\u00f6nnen wir das nur, wenn wir alle m\u00f6glichen Quellen einbeziehen. Und damit wir das kritisch tun k\u00f6nnen, ist es n\u00fctzlich, wenn wir etwas dar\u00fcber wissen, unter welchen Bedingungen diese Quellen arbeiten, wie bspw. die Medien.<\/p>\n<p>Die Produktionsbedingungen im Journalismus f\u00fchren dazu, dass auch seri\u00f6se Medien, die sich M\u00fche geben, ausgewogen zu berichten, gewisse Themen deutlich ausf\u00fchrlicher behandeln als andere. Wird ein Fussg\u00e4nger beim \u00dcberqueren der Strasse von einem Auto angefahren, ist das eine Meldung wert. Die vielen tausend Fussg\u00e4nger, die am selben Tag unversehrt die Strasse \u00fcberqueren, erw\u00e4hnt hingegen niemand. Das kann uns dazu verleiten, anzunehmen, dass Unf\u00e4lle viel h\u00e4ufiger sind, als es tats\u00e4chlich der Fall ist.<\/p>\n<p>Wie gesagt sollten wir vorsichtig sein, wenn wir <a href=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/den-eigenen-erfahrungen-trauen\/\">aufgrund unserer Erfahrungsbasis<\/a> (hier den gelesenen Unfallberichten) Schl\u00fcsse ziehen (auf die H\u00e4ufigkeit von Unf\u00e4llen). Unsere Erfahrungsbasis ist in praktisch allen Bereichen zu schmal f\u00fcr solche Schlussfolgerungen. Befolgen wir diese Empfehlung, sollte uns dieser Fehler also nicht passieren. Noch besser k\u00f6nnen wir uns vor unzul\u00e4ssigen Verallgemeinerungen sch\u00fctzen, wenn wir uns bewusst sind, zu welchen Verzerrungen die Auswahlprozesse im Journalismus ganz automatisch f\u00fchren. Hier ein paar Beispiele. Mehr dazu findet man im empfehlenswerten Buch \u201eNews Literacy\u201c von Seth Ashley. <a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<h2>Falsche Ausgewogenheit<\/h2>\n<p>Seri\u00f6se Medien bem\u00fchen sich, nach M\u00f6glichkeit jeweils die Meinungen\/Denkwerkzeuge verschiedener Gruppen wie Parteien etc. zu Worte zu kommen lassen. Das kann paradoxerweise zu einer falschen Ausgewogenheit f\u00fchren. Erh\u00e4lt in einem Beitrag zur Klimakrise ein von der menschengemachten Klima-Erw\u00e4rmung \u00fcberzeugter Forscher gleich viel Platz wie ein Klima-Leugner, kann bei uns als Leser:innen der Eindruck entstehen, diese w\u00e4ren zwei gleichberechtigte, gleichbew\u00e4hrte Denkwerkzeuge. Dabei vertritt der Forscher die grosse, grosse Mehrheit aller Experten zum Thema und der Klimaleugner ist, wenn \u00fcberhaupt Experte, nur Anh\u00e4nger einer kleinen Minderheit.<\/p>\n<p>Gerade beim Thema Klimakrise ist diese falsche Ausgewogenheit gut untersucht. In einer Studie wurden 100.000 Artikel zur Klimakrise analysiert. \u201eDas Ergebnis: 386 ausgew\u00e4hlte \u201aKlimawandelskeptiker\u2018 waren h\u00e4ufiger Autor oder wurden \u00f6fter zitiert als 386 renommierte Klimaforscher:innen \u2013 sogar in Qualit\u00e4tsmedien wie der <em>New York Times.<\/em>\u201c <a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie l\u00e4sst sich \u00c4hnliches beobachten.<\/p>\n<h2>Unf\u00e4lle, Verbrechen, Katastrophen<\/h2>\n<p>Wie schon eingangs beschreiben, ist die gegl\u00fcckte \u00dcberquerung einer Strasse durch einen Fussg\u00e4nger keine Meldung wert. Das ist zuerst einmal eine Folge eines verst\u00e4ndlichen menschlichen Kommunikationsmusters: Warnungen vor Gefahren haben Vorrang und erregen unsere Aufmerksamkeit mehr, als alle anderen Arten von Meldungen. <a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Medien gleich welcher Art ringen um Aufmerksamkeit, also bringen sie bevorzugt Meldungen \u00fcber negative Ereignisse, da diese mehr Aufmerksamkeit erhalten. Bspw. ist die Anzahl der Todesf\u00e4lle pro Jahr in Folge von Naturkatastrophen in den letzten hundert Jahren praktisch konstant geblieben, obwohl sich die Weltbev\u00f6lkerung vervierfacht hat<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a>. Die Gefahr f\u00fcr den Einzelnen ist also auf ein Viertel gesunken. Aufgrund der Berichterstattung in den Medien k\u00f6nnte man aber das Gegenteil annehmen. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr viele Gebiete<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><sup>,<\/sup><a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> wie extreme Armut, Hunger, Selbstmordrate, Anzahl Personen auf der Flucht etc.<\/p>\n<h2>Geschichten<\/h2>\n<p>Wenn es sich nicht um ein schreckliches Ereignis handelt, dann besteht eine andere Methode des Journalismus darin, Geschichten zu erz\u00e4hlen. Geschichten ben\u00f6tigen einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. Sie funktionieren besonders gut, wenn es dabei um Konflikte geht, und sie ben\u00f6tigen Protagonist:innen\/Helden. Wahlen, v.a. die amerikanischen Pr\u00e4sidentschaftswahlen, bieten das ideale Format f\u00fcr Geschichtenerz\u00e4hlungen, welche die Medienkonsumenten eine Zeit lang bei der Stange halten. Sie beginnen mit den Vorwahlen und enden mit dem Sieg eines der Protagonisten.<\/p>\n<p>Ereignisse, die sich als Geschichten erz\u00e4hlen lassen, haben es daher leichter, Erw\u00e4hnung in den Medien zu finden. Das langsame Reifen der Trauben im Weinberg tut sich schwer gegen den Hahnenkampf zwischen Elon Musk und Jeff Bezos um die Eroberung des Weltraums.<\/p>\n<p>Dass die Aktualit\u00e4ten oft als Geschichten erz\u00e4hlt werden, hat neben der Chance, \u00fcberhaupt erw\u00e4hnt zu werden, noch andere Auswirkungen. Einmal hat eine Geschichte einen definierten Anfang. Alles, was vorher geschehen ist, wird ausgeblendet. Das f\u00fchrt dazu, dass in den Medien Tagesaktualit\u00e4ten ohne Hintergrund, ohne geschichtliche Einordnung dominieren. Eine Geschichte endet auch. Ist dieses Ende erreicht, verschwindet das Thema aus dem Fokus. Und da eine Geschichte Helden braucht, werden oft Ereignisse personalisiert und Erfolge und Misserfolge einzelnen zugeschrieben, auch wenn typischerweise an jedem Erfolg viele beteiligt sind. Bspw. haben wir in der Sportberichterstattung die Geschichte des Wettkampfs, die irgendwann kurz vor dem eigentlichen Start beginnt und mit dem Sieg oder der Niederlage endet, mit der Sportlerin als Heldin im Zentrum. Das Team an Betreuer:innen hinter diesem Sieg, von denen jede und jeder einzelne genauso wichtig war, wird zwar routinem\u00e4ssig verdankt, ist aber nicht wirklich Teil der Geschichte, genauso wenig die jahrelange kontinuierliche Arbeit, in dessen Ablauf der Wettkampf nur ein ganz kleiner Ausschnitt darstellt.<\/p>\n<p>Dieses Schwergewicht auf das Erz\u00e4hlen von Geschichten f\u00fchrt dazu, dass wir oft das Weltgeschehen als eine Auseinandersetzung Einzelner entweder mit widrigen Umst\u00e4nden oder mit einem Gegner sehen. Nicht gerade eine besonders n\u00fctzliche Art, die Welt zu begreifen.<\/p>\n<p><a name=\"_Toc127130939\"><\/a><strong>Bevor man Schl\u00fcsse aus Darstellungen in den Medien zieht, sollte man sich bewusst machen, wie die Produktionsbedingungen im Journalismus Auswahl und Format der Meldungen beeinflussen.<\/strong><\/p>\n<p>Weiter lesen &gt;&gt; <a href=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/journalistinnen-als-expertinnen\/\">Journalist:innen als Expert:innen<\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Ashley, S. (2020). News Literacy and Democracy (Kindle-Version ed.): Taylor and Francis.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.journalist.de\/startseite\/detail\/article\/verzerrte-darstellung\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.journalist.de\/startseite\/detail\/article\/verzerrte-darstellung<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Ashley, S. (2020). News Literacy and Democracy (Kindle-Version ed.): Taylor and Francis.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/naturkatastrophen-erschreckende-statistik-mit-positivem-100.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/naturkatastrophen-erschreckende-statistik-mit-positivem-100.html<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.gapminder.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.gapminder.org\/<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Rosling, H., Rosling, O., &amp; Rosling R\u00f6nnlund, A. (2018). Factfulness: Ten Reasons We&#8217;re Wrong About The World &#8211; And Why Things Are Better Than You Think . Mit einer \u00e4hnlichen Stossrichtung: Bregman, R. (2021). Im Grunde gut &#8211; Eine neue Geschichte der Menschheit: rororo.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aber auch wenn wir selbst in einem Bereich zur Expertin, zum Experten werden, k\u00f6nnen wir das nur, wenn wir alle m\u00f6glichen Quellen einbeziehen. 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