{"id":5185,"date":"2023-06-25T19:53:55","date_gmt":"2023-06-25T18:53:55","guid":{"rendered":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/?page_id=5185"},"modified":"2023-07-03T14:32:38","modified_gmt":"2023-07-03T13:32:38","slug":"kopernikus-und-galileos-problem","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/heuristisches-potenzial\/kopernikus-und-galileos-problem\/","title":{"rendered":"Kopernikus und Galileos Problem"},"content":{"rendered":"<p>Newton war nicht der Erste, der annahm, dass sich die Erde um die Sonne bewegt. 1543 publizierte Nicolaus Kopernikus sein Werk \u201eDe Revolutionibus Orbium Coelestium\u201c (\u00dcber die Umlaufbahnen der Himmelssph\u00e4ren). Damit konnte er folgendes \u00e4rgerliches Problem jedes Weltbildes l\u00f6sen, bei der sich die Planeten um die Erde drehen<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>: Beobachtet man bspw. den Mars vor dem Hintergrund des Sternenhimmels, dann gibt es Zeiten im Jahr, wo er sich entgegen der \u00fcblichen Bewegungsrichtung r\u00fcckw\u00e4rts bewegt. Warum macht er das? Nimmt man an, dass sowohl Erde wie Mars um die Sonne kreisen, sind dies einfach die Momente, wo die schnellere Erde den langsameren Mars \u00fcberholt und dieser darum zur\u00fcckf\u00e4llt.<\/p>\n<p>Das war ein Erfolg. Aber abgesehen von diesem einen Punkt passte Kopernikus Weltmodell schlecht zu den damals bekannten Daten und wurde daher auch von f\u00fchrenden Wissenschaftlern mit grosser Skepsis aufgenommen. Es waren vor allem folgende Ungereimtheiten, die bem\u00e4ngelt wurden:<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p><strong>Unerwartete Distanzen:<\/strong> Nur schon, wenn man abwechslungsweise das linke oder das rechte Auge schliesst, sieht die Welt etwas anders aus, da wir sie dann jeweils aus einem etwas anderen Winkel betrachten. Umso mehr m\u00fcsste eine solche Verschiebung (Parallaxe) eintreten, wenn man dieselben Sterne am Abend oder am Morgen (nach einer halben Umdrehung der Erde um sich selbst) oder gar im Fr\u00fchling oder im Herbst (nach einem halben Umlauf der Erde um die Sonne) betrachtet. Eine solche Verschiebung war aber in den Daten nicht zu erkennen. Kopernikus musste daher annehmen, dass die Sterne so unvorstellbar weit weg waren, dass die zu erwartenden Verschiebungen mit den damaligen Instrumenten nicht wahrnehmbar sind. Das waren die Astronomen seiner Zeit nicht bereit zu glauben. Erst 400 (!) Jahre sp\u00e4ter standen so stark verbesserte Fernrohre zur Verf\u00fcgung, dass Friedrich Bessel 1838 eine Parallaxe nachweisen konnte. Allerdings ist diese Parallaxe so klein, dass die Sterne wirklich sehr weit weg sein m\u00fcssen \u2013 aber daran haben wir uns gew\u00f6hnt.<\/p>\n<p><strong>Riesige Sterne:<\/strong> Durch ein Fernrohr betrachtet, sind die Sterne nicht Punkte, sondern kleine Scheiben. Wenn man annahm, dass die Sterne wirklich sehr weit waren, konnte man aus der Gr\u00f6sse dieser Scheiben Vermutungen dar\u00fcber ableiten, wie gross dies Sterne mindestens sein m\u00fcssten. Diese Absch\u00e4tzungen ergaben einen Durchmesser einzelner Sterne so gross wie der Durchmesser der Umlaufbahn der Erde um die Sonne. Auch das war zu Zeiten Kopernikus niemand bereit zu glauben. Erst etwa 1840 konnte George Airy zeigen, dass die Sterne im Fernrohr zu gross erscheinen, da auch Licht von einer punktf\u00f6rmigen Lichtquelle beim Eintritt in eine Blende einen Lichtkreis produziert.<\/p>\n<p><strong>Fehlende Rotations-Effekte:<\/strong> L\u00e4sst man auf einem fahrenden Karussell einen Gegenstand fallen, f\u00e4llt er nicht genau gerade nach unten. Wenn die Erde rotiert, sollte man einen \u00e4hnlichen Effekt beobachten k\u00f6nnen. Zu Kopernikus Zeiten war nichts Derartiges bekannt und konnte auch nicht nachgewiesen werden. Auch hier erfolgt der Nachweis erst 400 Jahre sp\u00e4ter durch Ferdinand Reich.<\/p>\n<p>Kopernikus selbst waren alle diese Probleme und Einw\u00e4nde bekannt. Um seine Theorie zu retten, berief er sich auf Gott, denn die g\u00f6ttliche Weisheit und Majest\u00e4t sei viel gr\u00f6sser, als seine Kritiker das je verstehen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Tycho Brahe, der f\u00fchrende Astronom jener Zeit, der \u00fcber die besten Beobachtungsdaten verf\u00fcgte, versuchte den positiven Effekt des Modells von Kopernikus zu retten, indem er 1588 eine eigene Variante publizierte. Bei diesem Modell kreisen die Sonne, der Mond und die Sterne um die ruhende Erde. Dadurch gibt es keine Probleme mit Rotationseffekten und keine Schwierigkeiten mit Distanz und Gr\u00f6sse der Sterne. Die anderen Planeten hingegen liess Brahe um die Sonne kreisen und konnte so die R\u00fcckw\u00e4rtsbewegung des Mars erkl\u00e4ren. Brahes Modell war lange schlicht das Modell, das am besten zu den Daten passte, wie beispielsweise Battista Riccioli um 1650 in einem sorgf\u00e4ltig geschrieben \u00dcbersichtsartikel festhielt.<\/p>\n<p>Die Vorstellung, dass die Erde um die Sonne kreiste, war also genau genommen noch w\u00e4hrend gut 400 (!) Jahren nach Kopernikus nicht mit den bekannten Daten vereinbar. Aber das <a href=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/heuristisches-potenzial\/\">heuristische Potenzial<\/a>, die M\u00f6glichkeiten, die sich dadurch er\u00f6ffneten, waren so gross, dass sich nach und nach alle Wissenschaftler dieser Vorstellung anschlossen. Wie gesagt erm\u00f6glichte es unter anderem Newton eine Physik zu entwerfen, welche die Bewegungen der Gegenst\u00e4nde auf der Erde wie am Himmel gleich behandeln konnte.<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Koestler, A. (1959). Die Nachtwandler. Das Bild des Universums im Wandel der Zeit. Bern: Scherz.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Dannielson, D., &amp; Graney, C. M. (2014). The case against Copernicus. <em>Scientific American, 301<\/em>(1), 62-67.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Newton war nicht der Erste, der annahm, dass sich die Erde um die Sonne bewegt. 1543 publizierte Nicolaus Kopernikus sein Werk \u201eDe Revolutionibus Orbium Coelestium\u201c (\u00dcber die Umlaufbahnen der Himmelssph\u00e4ren). 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