{"id":5177,"date":"2023-06-25T19:44:38","date_gmt":"2023-06-25T18:44:38","guid":{"rendered":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/?page_id=5177"},"modified":"2023-07-18T13:12:29","modified_gmt":"2023-07-18T12:12:29","slug":"heuristisches-potenzial","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/heuristisches-potenzial\/","title":{"rendered":"Heuristisches Potenzial"},"content":{"rendered":"<p>Nehmen wir einmal an, es w\u00fcrde gelingen, die <a href=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/wahrheit\/#Fall3\"><em>Flach-Erde-Theorie<\/em><\/a> so auszubauen, dass sie f\u00fcr unser Leben hier auf der Erde gleich <a href=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/nuetzlichkeit\/\">n\u00fctzlich<\/a> w\u00e4re wie die <em>Rund-Erde-Theorie<\/em>. Egal welche der beiden Denkwerkzeuge wir verwenden w\u00fcrden, k\u00f6nnten wir uns dann orientieren, Strassen und Br\u00fccken bauen, effizient von Ort zu Ort fliegen etc. Es g\u00e4be dann keinen Grund, sich f\u00fcr die eine oder andere der beiden Theorien zu entscheiden. Alle k\u00f6nnten mit der Theorie arbeiten, die ihnen besser zusagt.<\/p>\n<div style=\"background-color: lavenderblush;\">\n<p><strong>Distanzen auf der flachen Erde<\/strong><\/p>\n<p>Zu einer groben Orientierung eignet sich die Weltkarte, wie sie Anh\u00e4nger:innen der <em>Flach-Erde-Theorie<\/em> bevorzugen, ganz gut (Abbildung 1).<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-5179\" src=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-content\/uploads\/Flat_Earth_Map_large.jpg\" alt=\"\" width=\"493\" height=\"492\" srcset=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-content\/uploads\/Flat_Earth_Map_large.jpg 493w, https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-content\/uploads\/Flat_Earth_Map_large-300x300.jpg 300w, https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-content\/uploads\/Flat_Earth_Map_large-150x150.jpg 150w, https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-content\/uploads\/Flat_Earth_Map_large-301x300.jpg 301w\" sizes=\"auto, (max-width: 493px) 100vw, 493px\" \/><\/p>\n<p><em>Abbildung 1: Eine Weltkarte der flachen Erde mit der Antarktis als Eisring rundherum<\/em><\/p>\n<p>Afrika ist randw\u00e4rts von Europa (<em>Rund-Erde-Theorie: \u00a0<\/em>s\u00fcdw\u00e4rts) und wenn man von den USA immer im Uhrzeigersinn (westw\u00e4rts) segelt, landet man irgendwann einmal in der N\u00e4he von Japan. Schwieriger wird es, wenn man Distanzen vergleichen m\u00f6chte. In Abbildung 1 ist die Distanz zwischen Sydney und Perth in Australien etwa gleich gross wie zwischen Lissabon und Irkutsk auf dem eurasischen Kontinent. Beide Strecken lassen sich auf dem Landweg mehr oder weniger gut vermessen und die Distanzen betragen ca. 3\u2018300 km f\u00fcr Sydney-Perth und ca. 8\u2018000 km f\u00fcr Lissabon-Irkutsk. Karte und messbare Distanzen sind also nicht konsistent, aus der Karte kann man nicht ableiten, welche Distanzen man messen wird und aus den gemessenen Distanzen kann man nicht ableiten, wie die Karte zu zeichnen ist. Will man diese <em>Flach-Erde-Karte<\/em> nutzen, dann muss man diese Inkonsistenz aufl\u00f6sen. Dasselbe Problem ergibt sich selbstverst\u00e4ndlich f\u00fcr alle Ost-West-Distanzen. Je weiter s\u00fcdlich, d.h. randw\u00e4rts, man auf der Karte gelangt, umso mehr sind die Distanzen gegen\u00fcber vergleichbaren Distanzen in der N\u00e4he des Nordpols gestreckt.<\/p>\n<p>Interessanterweise finde ich bei der <em>Flat Earth Society <\/em>keine Vorschl\u00e4ge zur L\u00f6sung dieses Problems, obwohl sie in Foren auf ihrer Website immer wieder einmal angesprochen wird. Ich versuche mich daher einmal selbst an m\u00f6glichen Antworten. Als ersten Versuch k\u00f6nnte man die Inkonsistenz beseitigen, indem man annimmt, dass Australien in Abbildung 1 etwa 2.5 mal zu lang dargestellt ist und den Kontinent auf der Karte entsprechend stauchen. Australien w\u00fcrde dann so aussehen, wie wir uns das von den konventionellen Landkarten gewohnt sind. Allerdings kann man sich ja auch zwischen den Landmassen bewegen, bspw. fliegen. Auf der Karte ist der Abstand zwischen Sydney und Auckland etwa gleich gross wie der Abstand zwischen Lissabon und Teheran, die entsprechenden Flugzeiten sind ca. 3 Stunden bzw. 7 Stunden. Eine einseitige Anpassung der Distanzen innerhalb der Landmassen l\u00f6st das Problem also nicht. Es kann nur gel\u00f6st werden, indem man alle Ost-West-Distanzen verk\u00fcrzt \u2013 und zwar umso st\u00e4rker, je weiter weg vom Nordpol man sich befindet.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich kann es im Rahmen der <em>Flach-Erde-Theorie <\/em>nicht sein, dass die Distanzen tats\u00e4chlich entsprechend k\u00fcrzer sind, als sie in Abbildung 1 erscheinen. Dies w\u00fcrde die Scheibe verbiegen und zu einer Kugel zusammenziehen und wir w\u00e4ren wieder bei der <em>Rund-Erde-Theorie<\/em>. Aber es k\u00f6nnte sein, dass die Distanzen nur jedem, der sie zu messen versucht, verk\u00fcrzt erscheinen. Das w\u00fcrde bedingen, dass ein in Ost-West-Richtung ausgestrecktes Metermass in Australien rund 2.5-mal so lang w\u00e4re wie dasselbe Metermass in der Mitte von Europa eingesetzt \u2013 ohne dass die Messenden etwas davon bemerken. Wenn wir bereit sind, die gesamte Physik radikal neu zu denken, k\u00f6nnen wir nat\u00fcrlich auch so etwas annehmen. Die <em>Allgemeine Relativit\u00e4tstheorie<\/em> der <em>Rund-Erde-Physik<\/em> geht ebenfalls davon da aus, dass L\u00e4ngenmessungen relativ zu Eigenschaften der Messenden sind. Bei der <em>Allgemeinen Relativit\u00e4tstheorie<\/em> h\u00e4ngt die gemessene L\u00e4nge eines Objekts von der Geschwindigkeit der Messenden relativ zum Objekt ab. Hier w\u00fcrde sie von der Position der Messenden relativ zum Nordpol abh\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Das Interessante an diesem Konzept der <em>Wachsenden Messb\u00e4nder<\/em> w\u00e4re, dass es eine pr\u00fcfbare Aussage \u00fcber den Rand der Scheibe erm\u00f6glicht. Die <em>Flat Earth Society<\/em> weicht der Frage, was denn am Rande der Scheibe passiert, im Prinzip dadurch aus, dass sie ihn an eine Stelle legt, an der selten jemand vorbeikommt und von der daher wenig bis nichts bekannt ist. Ger\u00fcchteweise soll es ganz aussen einen hohen Eiswall geben, den niemand \u00fcberwinden kann, so dass auch noch nie jemand \u00fcber den Rand hinaus blicken konnte.<\/p>\n<p>Verfolgt man hingegen die oben entwickelte Idee der <em>Wachsenden Messb\u00e4nder<\/em> konsequent bis zum Rand bzw. S\u00fcdpol weiter, wird die L\u00e4nge der verwendeten Messb\u00e4nder immer l\u00e4nger und l\u00e4nger. Und mit diesen gemessen schrumpft die L\u00e4nge des Randes auf einen Punkt. Will man den Rand, d.h. diesen Punkt treffen, muss man sich daher dem Rand perfekt im rechten Winkel n\u00e4hern. Stimmt der Winkel nur minimal nicht, verfehlt man den Punkt und biegt vor dem Rand ab, zur\u00fcck auf die Scheibe. Vielleicht ist einfach darum noch nicht bekannt, was am Rand geschieht, weil noch nie jemand versucht hat, so perfekt genau \u00fcber den S\u00fcdpol zu gehen.<\/p>\n<\/div>\n<p>Die <em>Flach-Erde-Theorie <\/em>erg\u00e4nzt um das Konzept der <em>Wachsenden Messb\u00e4nder<\/em> f\u00fchrt also zu einer interessanten Vermutung bez\u00fcglich des Randes der Scheibe. Abenteuerlustige k\u00f6nnten daher der <em>Flach-Erde-Theorie<\/em> den Vorzug gegen\u00fcber der <em>Rund-Erde-Theorie<\/em> geben und gest\u00fctzt auf sie versuchen, wirklich haargenau rechtwinklig den Rand anzupeilen und zu sehen, was passiert, wenn sie ihn \u00fcberschreiten. Vermutlich w\u00e4r es sinnvoll, die mutige Forscherin dabei zumindest mit einem Seil zu sichern, so dass man sie zur\u00fcckziehen kann, wenn sie bei diesem Versuch pl\u00f6tzlich verschwindet.<\/p>\n<p>Die Idee zu diesem Versuch kann man als das heuristische Potenzial der so ausgebauten <em>Flach-Erde-Theorie<\/em> sehen. Sie wird dadurch gegen\u00fcber alternativen, bisher gleich n\u00fctzlichen Theorien interessanter, da sie auf m\u00f6gliche neue Entwicklungen hinweist.<\/p>\n<p>Das heuristische Potenzial der <em>Rund-Erde-Theorie<\/em> hat bereits Newton zu nutzen begonnen. Die <em>Rund-Erde-Theorie<\/em> geht ja nicht nur davon aus, dass die Erde eine Kugel ist, sondern dass sie sich durch das Weltall bewegt wie andere Himmelsk\u00f6rper auch. Das legt die Vermutung nahe, dass die auf der Erde beobachtbaren und nutzbaren physikalischen Gesetzte nicht nur hier gelten, sondern \u00fcberall. Das hat Newton dazu veranlasst, anzunehmen, dass genau gleich, wie der Apfel vom Baum f\u00e4llt, der Mond rund um die Erde f\u00e4llt. Auf dieser Basis gelang es ihm, die Bahnen der Planeten um die Sonne mit ausserordentlich grosser Pr\u00e4zision vorherzusagen.<\/p>\n<p>Wenn es darum geht, Vermutungen aufzustellen, was ausserhalb der Erde im Weltall geschieht, ist das heuristische Potenzial der <em>Rund-Erde-Theorie<\/em> gewaltig viel gr\u00f6sser<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> als das der <em>Flach-Erde-Theorie<\/em>, denn die <em>Flach-Erde-Theorie<\/em> muss ja annehmen, dass f\u00fcr die Bewegungen der Sonne andere Gesetzm\u00e4ssigkeiten gelten als f\u00fcr die Bewegungen eines Apfels auf der Erde. Nat\u00fcrlich weiss niemand, ob auf dem Planeten Uranus ein Apfel auf dieselbe Art und Weise zu Boden fallen w\u00fcrde, wie auf der Erde. Aber die Annahme, dass es so ist, hat Theorien erm\u00f6glicht, die sehr gut mit den von der Erde aus beobachtbaren Ph\u00e4nomene \u00fcbereinstimmen.<\/p>\n<p><a name=\"_Toc127130944\"><\/a><strong>M\u00fcssen\/wollen wir uns zwischen zwei im praktischen Einsatz \u00e4hnlich n\u00fctzlichen Denkwerkzeugen entscheiden, kann es spannend sein, dasjenige zu w\u00e4hlen, dessen heuristisches Potenzial vielversprechender erscheint.<\/strong><\/p>\n<p>Weiter lesen &gt;&gt; <a href=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/sollen-sie-mir-glauben\/\">Sollen Sie mir glauben?<\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> F\u00fcr Newton war dieses Potenzial so gross und verlockend, dass er die <em>Rund-Erde-Theorie<\/em> nutzte, <a href=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/heuristisches-potenzial\/kopernikus-und-galileos-problem\">obwohl es noch 400 (!) Jahre dauerte<\/a>, bis sie wirklich mit den bekannten Daten in \u00dcbereinstimmung gebracht werden konnte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nehmen wir einmal an, es w\u00fcrde gelingen, die Flach-Erde-Theorie so auszubauen, dass sie f\u00fcr unser Leben hier auf der Erde gleich n\u00fctzlich w\u00e4re wie die Rund-Erde-Theorie. 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