{"id":5060,"date":"2023-06-05T19:01:46","date_gmt":"2023-06-05T18:01:46","guid":{"rendered":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/?page_id=5060"},"modified":"2023-07-18T13:08:26","modified_gmt":"2023-07-18T12:08:26","slug":"verschleierte_interessen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/verschleierte_interessen\/","title":{"rendered":"Verschleierte Interessen"},"content":{"rendered":"<p>Die Empfehlungen bis hier her k\u00f6nnte man so zusammenfassen: Im Zweifelsfall sollten wir den <a href=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/expertinnen\/\">Expert:innen<\/a> glauben. Vorausgesetzt ist nat\u00fcrlich, dass der <a href=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/verwendungszweck\/\">Zweck<\/a>, zu dem die Expert:innen ihr Denkwerkzeug einsetzen, mit unserem Interesse \u00fcbereinstimmt.<\/p>\n<p>Leider machen aber in den seltensten F\u00e4llen die Expert:innen explizit, zu welchem Zweck ihre Denkwerkzeuge entwickelt wurden und mit welchem Ziel sie sie einsetzen. Sie berichten nur vom Resultat ihres Einsatzes. Wie wir im Fallbeispiel <a href=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/falsch-eingesetzte-werkzeuge\/\">Corona Informationen<\/a> gesehen haben, ist nicht ganz klar, warum die Medien t\u00e4glich die Anzahl Neuansteckungen publizierten. Wie die \u00dcberlegungen dort gezeigt haben, ist dieser Wert allein nicht besonders hilfreich, um die Gef\u00e4hrlichkeit der Lage abzusch\u00e4tzen.<\/p>\n<p>Manchmal verschleiern Denkwerkzeug-Gebraucher:innen ihre Ziele absichtlich. Bei den Tabakfirmen, die Studien in Auftrag gaben und publizierten, um auf die positiven Effekte des Rauchens hinzuweisen, war das Ziel nicht die F\u00f6rderung der Gesundheit der Kunden, sondern die F\u00f6rderung des Absatzes der Produkte. <a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<div style=\"background-color: lavenderblush;\">\n<p><a name=\"_Toc127785089\"><\/a><strong>Hoch verarbeitete Lebensmittel<\/strong><\/p>\n<p>2017 haben vier Wissenschaftler einen Artikel zum Thema \u201eHoch verarbeitete Lebensmittel und menschliche Gesundheit\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> publiziert (der Artikel ist auf Englisch geschrieben, was ich hier zitiere, habe ich selbst \u00fcbersetzt). Sie halten dort fest \u201eSoweit uns bekannt ist, wurden bisher keine Argumente vorgebracht, wie oder ob die Verarbeitung von Nahrungsmitteln ein gesundheitliches Risiko in Form sch\u00e4dlicher Einnahme von N\u00e4hrstoffen oder in Form chemischer oder mikrobiologischer Gef\u00e4hrdung darstellt\u201c.<\/p>\n<p>Der Artikel wirkt sehr seri\u00f6s, mit unz\u00e4hligen Verweisen auf andere Berichte etc. F\u00fcr mich als Nicht-Experten ist es unm\u00f6glich zu beurteilen, wie stichhaltig die Argumentation ist.<\/p>\n<p>Googelt man dann aber den Hauptautor des Artikels, findet man, dass er unter anderem als wissenschaftlicher Berater von Nestl\u00e9 und Cereal Partners Worldwide t\u00e4tig ist. Beide Firmen verkaufen hoch verarbeitete Lebensmittel und haben selbstverst\u00e4ndlich ein Interesse daran, dass diese als gesundheitlich unbedenklich gelten. Das wirft zumindest die Frage auf, mit welchem Ziel der Artikel geschrieben wurde. Wiederholt sich hier, was Jahre fr\u00fcher im Zusammenhang mit Zigaretten mit \u201ewissenschaftlichen\u201c Verschleierungen versucht wurde?<\/p>\n<\/div>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich k\u00f6nnte auch eine Studie einer Tabakfirma oder eines Nahrungsmittelkonzerns einmal ehrlich mit dem Ziel erarbeitet worden sein, das bei der Pr\u00e4sentation der Studie suggeriert wird. Aber es lohnt sich immer, wenn jemand f\u00fcr ein Denkwerkzeug Werbung macht, genau hinzusehen, f\u00fcr welche Interessen das Denkwerkzeug geschaffen wurde.<\/p>\n<p>In der Wissenschaft hat es sich daher eingeb\u00fcrgert, dass bei jeder Studie angegeben wird, von wem diese finanziert wurde und wo die daran Beteiligten \u00fcberall mitarbeiten und angestellt sind. Das erlaubt es etwas besser, die verfolgten Ziele abzusch\u00e4tzen.<\/p>\n<div style=\"background-color: lavenderblush;\">\n<p><a name=\"_Toc127785090\"><\/a><strong>Angriffe auf Mobilfunkstrahlen-Experte<\/strong><\/p>\n<p>SRF berichtete am 20.4.2021, dass Martin R\u00f6\u00f6sli, ein schweizerischer Professor f\u00fcr Umweltepidemiologie, immer wieder von Mobilfunkgegnern hart angegriffen wird.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Konkreter Anlass des Berichts ist ein Brief von 22 Forschenden ausserhalb der Schweiz an den schweizerischen Bundesrat. In diesem werfen sie Martin R\u00f6\u00f6sli vor, die Gesundheitsrisiken des Mobilfunks, insbesondere der 5G-Technologie, falsch zu beurteilen. Sie fordern seinen R\u00fccktritt aus allen wissenschaftlichen Kommissionen und Gremien. Ein bekannter schweizerischer Mobilfunkkritiker erg\u00e4nzt dazu: \u201eWas er betreibt, ist nicht unabh\u00e4ngige Wissenschaft, sondern gesponserte Wissenschaft. Transparenz ist bei ihm nicht gegeben.\u201c<\/p>\n<p>Martin R\u00f6\u00f6sli selbst meint dazu, dass er sich vor 20 Jahren, durchaus h\u00e4tte vorstellen k\u00f6nnen, dass man sch\u00e4digende Auswirkungen der Mobilfunkstrahlung findet. Damals begannen Millionen von Menschen, das Handy intensiv zu nutzen. Er wollte die Einfl\u00fcsse daher genau untersuchen. Zwanzig Jahre und Dutzende Studien sp\u00e4ter ist er jedoch davon \u00fcberzeugt, dass andere Einfl\u00fcsse wie Feinstaub und L\u00e4rm viel mehr Sch\u00e4den anrichten. Direkte Sch\u00e4digungen durch elektromagnetische Strahlungen konnte er bisher keine feststellen. Laut einem anderen schweizerischen Experten f\u00fcr Elektromagnetische Felder beruhen diese Resultate alle auf sauberer Forschung.<\/p>\n<p>Die Redaktion von SRF ist der Sache etwas nachgegangen und kommt zum Schluss, dass sich der erhobene Vorwurf von Intransparenz nicht erh\u00e4rten l\u00e4sst. Martin R\u00f6\u00f6sli sass zwar zeitweilig im Stiftungsrat der Forschungsstiftung <em>Strom- und Mobilfunkkommunikation<\/em>, die von der Mobilfunkindustrie finanziert wird. \u00dcber die Verteilung der Gelder an die Forschungsprojekte entscheidet aber ein unabh\u00e4ngiger, wissenschaftlicher Ausschuss. Die Arbeit dieser bei der ETH angesiedelten Stiftung ist \u00f6ffentlich einsehbar, also transparent.<\/p>\n<p>Der Bericht von SRF f\u00e4hrt dann fort: \u201eWenig transparent sind hingegen einige prominente Mobilfunkgegner. Sie verschweigen, dass sie von der Angst vor der Mobilfunkstrahlung profitieren, indem sie diese finanziell zu ihren Gunsten zu nutzen wissen.\u201c Die beiden Initiatoren des Briefes an den Bundesrat \u201everkaufen via Internet technische Apparaturen, die Mobilfunkstrahlung entweder detektieren oder bek\u00e4mpfen sollen. Die Funktionsweise dieser Ger\u00e4te ist weder nachvollziehbar noch belegt. Trotzdem haben sie einen stolzen Preis: Sie kosten bis zu 1000 Franken pro St\u00fcck.\u201c Die beiden profitieren also massiv, wenn es ihnen gelingt, in der Bev\u00f6lkerung Angst zu sch\u00fcren.<\/p>\n<\/div>\n<p>Ich will mich mit dieser Fallstudie nicht zur Gef\u00e4hrlichkeit von Handy-Strahlungen \u00e4ussern.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> Interessant scheint mir daran aber, dass manchmal Kritik an verschleierten Interessen selbst die hinter der Kritik stehenden Interessen verschleiert.<\/p>\n<p><a name=\"_Toc127785091\"><\/a><strong>Impfen und Autismus<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt das Ger\u00fccht, dass die Masern-Mumps-R\u00f6teln-Impfung bei Kleinkindern zu Autismus f\u00fchren kann. Dieses Ger\u00fccht f\u00fchrt dazu, dass manche Eltern ihre Kinder nicht impfen lassen und ist mitverantwortlich daf\u00fcr, dass es bisher nicht gelungen ist, die Masern auszurotten. Geht man der Sache nach, zeigt sich, dass das Ger\u00fccht auf einen Fachartikel eines Arztes namens Wakefield zur\u00fcckzuf\u00fchren ist.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n<p>Der Artikel ist 1998 in der Zeitschrift <em>Lancet<\/em> erschienen, einer renommierten Zeitschrift f\u00fcr medizinische Forschung. Wakefield und seine Mitautoren behaupten dort, dass es zwischen der MMR-Impfung und dem Auftreten von Autismus einen Zusammenhang geben k\u00f6nnte. Das hat nat\u00fcrlich andere Forscher alarmiert, aber niemand konnte in entsprechenden Folgestudien diesen Zusammenhang best\u00e4tigen. Misstrauisch geworden, begann man Wakefields Studie genauer zu analysieren<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> und es zeigte sich, dass seine Daten zu einem guten Teil gef\u00e4lscht waren. Die Zeitschrift <em>Lancet<\/em> zog dann 2010 den Artikel als \u201evollst\u00e4ndig falsch\u201c zur\u00fcck und bedauerte, dass sie auf die T\u00e4uschung hereingefallen war. Die britischen Beh\u00f6rden gingen noch weiter und untersagten Wakefield jede \u00e4rztliche T\u00e4tigkeit wegen massiven professionellen Fehlverhaltens.<\/p>\n<p>Warum hat Wakefield diese gef\u00e4lschte Untersuchung publiziert? Ein Grund daf\u00fcr d\u00fcrfte gewesen sein, dass er \u2013 ohne dies offenzulegen \u2013 an der Entwicklung eines alternativen Impfstoffs beteiligt war. Er wollte vermutlich den etablierten Impfstoff schlecht machen, um dann die Alternative auf den Markt bringen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><a name=\"_Toc127130932\"><\/a><strong>Es lohnt sich immer, genau abzukl\u00e4ren, zu welchem Zweck ein Denkwerkzeug entwickelt und gebraucht wurde, bevor man es \u00fcbernimmt. Oft ist dabei etwas Detektivarbeit n\u00f6tig.<\/strong><\/p>\n<p><a name=\"_Toc127130933\"><\/a><strong>Wird das Ziel absichtlich verschleiert, k\u00f6nnen wir das meist nur entdecken, wenn wir die Empfehlungen verschiedener Experten vergleichen.<\/strong><\/p>\n<p>Weiter lesen &gt;&gt; <a href=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/unklare-interessen\/\">Unklare Interessen<\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Oreskes, N., &amp; Conway, E. M. (2014). <em>Die Machiavellis der Wissenschaft: Das Netzwerk des Leugnens<\/em>. Weinheim Wiley-VCH Verlag.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> <a href=\"https:\/\/academic.oup.com\/ajcn\/article\/106\/3\/717\/4822399\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/academic.oup.com\/ajcn\/article\/106\/3\/717\/4822399<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.srf.ch\/wissen\/mensch\/debatte-ueber-5g-schweizer-mobilfunk-experte-unter-beschuss\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.srf.ch\/wissen\/mensch\/debatte-ueber-5g-schweizer-mobilfunk-experte-unter-beschuss<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Der Bericht von SRF meint dazu: \u201eViele Menschen sagen, sie k\u00f6nnten Mobilfunkstrahlung wahrnehmen. Das l\u00e4sst sich \u00fcberpr\u00fcfen, indem man die Menschen einer Strahlenquelle aussetzt und diese mal ein- und dann wieder ausschaltet. Weder die untersuchte Person, noch die untersuchende Person darf allerdings wissen, was Sache ist. In solchen Doppelblindstudien liess sich nicht nachweisen, dass Mobilfunkstrahlung sp\u00fcrbar ist.\u201c Mehr dazu: <a href=\"https:\/\/ehjournal.biomedcentral.com\/articles\/10.1186\/s12940-019-0519-x%20\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/ehjournal.biomedcentral.com\/articles\/10.1186\/s12940-019-0519-x%20<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Ashley, S. (2020). News Literacy and Democracy (Kindle-Version): Taylor and Francis. S. 193<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.bmj.com\/content\/342\/bmj.c7452\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.bmj.com\/content\/342\/bmj.c7452<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Empfehlungen bis hier her k\u00f6nnte man so zusammenfassen: Im Zweifelsfall sollten wir den Expert:innen glauben. Vorausgesetzt ist nat\u00fcrlich, dass der Zweck, zu dem die Expert:innen ihr Denkwerkzeug einsetzen, mit unserem Interesse \u00fcbereinstimmt. 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