{"id":4867,"date":"2023-03-29T10:00:06","date_gmt":"2023-03-29T09:00:06","guid":{"rendered":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/?page_id=4867"},"modified":"2023-05-16T08:38:31","modified_gmt":"2023-05-16T07:38:31","slug":"gender","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/kosten\/gender\/","title":{"rendered":"Gender"},"content":{"rendered":"<p><a name=\"_Toc127785105\"><\/a><strong>LGBT*Q<\/strong><\/p>\n<p>1968, als ich ein Teenager war, haben wir die Menschen in zwei Kategorien eingeteilt: Frauen und M\u00e4nner. Es gab schwule M\u00e4nner, das wussten wir, denn schliesslich lernten wir am Gymnasium, dass es in der Antike in gewissen Kreisen von M\u00e4nnern zum guten Ton geh\u00f6rte, sich einen Lustknaben zu leisten. Aber schwule M\u00e4nner waren trotz allem M\u00e4nner.<\/p>\n<p>Dieses Denkwerkzeug, mit dem die Menschheit in zwei Kategorien eingeteilt wird, hat evolutionsgeschichtliche Wurzeln. Will man sich auf traditionellem Weg fortpflanzen, funktioniert das nur mit einem Partner bzw. Partnerin der anderen Kategorie. In einer Menschheit, die \u00fcber kein Denkwerkzeug zur Unterscheidung zwischen passenden und unpassenden Reproduktionspartnern verf\u00fcgt h\u00e4tte, w\u00e4re die Reproduktion zumindest ineffizient gewesen, da auf Versuch und Irrtum angewiesen. Entsprechend k\u00f6nnen bereits Kinder im Alter von 4 Monaten weibliche und m\u00e4nnliche Gesichter unterscheiden (und scheinen weibliche zu bevorzugen!?!).<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Dieses Denkwerkzeug wurde dann ausgebaut und jahrhundertelang daf\u00fcr verwendet, einer der beiden Gruppen die Vorherrschaft zu sichern, den (alten, weissen) M\u00e4nnern. Ich bin auch einer davon und ich bin mir verschiedener Momente in meinem Leben bewusst, wo ich davon profitiert habe. (Bspw. als meine Eltern mir ein interessantes Studium finanzierten, meiner Schwester aber nicht.) Das Denkwerkzeug ist deshalb zu Recht in Misskredit geraten und muss ersetzt werden.<\/p>\n<p>Das ist auch m\u00f6glich geworden. Vor knapp f\u00fcnfzig Jahren war ich noch in ernsthafte Diskussionen dar\u00fcber verwickelt, ob in einer Gesellschaft, die keinen Platz f\u00fcr Schwule vorsieht, es nicht einfacher w\u00e4re zu versuchen, heterosexuell zu leben, als all die Heimlichkeiten etc. auf sich zu nehmen, die mit einem schwulen Leben verbunden waren. Jetzt, wo im Prinzip ein offenes schwules Leben m\u00f6glich wird, gibt es deutlich weniger Bedarf f\u00fcr solche \u00dcberlegungen. Und ich hoffe, dass sie bald f\u00fcr alle, also bspw. auch f\u00fcr Fussballer, \u00fcberfl\u00fcssig werden.<\/p>\n<p>Sogar das urspr\u00fcngliche Denkwerkzeug zur Reproduktionssicherung hat mit der M\u00f6glichkeit der Samen- und der Eispende und den nun vorhandenen laborbasierten Reproduktionstechniken an Bedeutung verloren. Wir k\u00f6nnen die Einteilung also auch zu Gunsten derer, f\u00fcr die sie schon rein biologisch nicht passt, fallen lassen.<\/p>\n<p>Die Frage ist nur, mit welchen Denkwerkzeugen wir in Zukunft arbeiten wollen. LGBT*Q ist eine n\u00fctzliche Erinnerung daran, dass das alte Denkwerkzeug vieles unter den Tisch gekehrt hat und ersetzt werden muss. Und auch der Genderstern ist in dieser Hinsicht sehr n\u00fctzlich, jedenfalls f\u00fcr mich. Wenn da bspw. \u201eArzt\u201c steht, dann sehe ich automatisch ein m\u00e4nnliches Wesen vor mir, obwohl ich verschiedenste \u00c4rztinnen kenne. Meine Sozialisation sitzt so tief, dass ich wohl noch einige Zeit auf die typographische Hilfe von \u201e\u00c4rzt*innen\u201c oder \u00e4hnlichem angewiesen sein werde, um nicht immer wieder in ein m\u00e4nnerdominiertes Weltbild zur\u00fcckzufallen.<\/p>\n<p>LGBT*Q und Genderstern sind Denkwerkzeuge, die uns helfen sollen, die alten Einteilungen los zu werden. Aber im sozialen Alltag sind wir auf griffige Einteilungen angewiesen. Vom Servicepersonal in einem Restaurant erwarte ich, dass es eine Bestellung aufnimmt und dann nach einiger Zeit das Bestellte serviert. Andere Erwartungen leiten meine Interaktion an der Supermarkkasse etc. Wenn ich mich auf all diese Einteilungen \u2013 Servicepersonal, Kassenpersonal, \u00c4rzt*innen \u2013 nicht verlassen kann, ist mein Alltagsleben nicht mehr handhabbar.<\/p>\n<p>Die alte Einteilung in Frauen und M\u00e4nner war griffig und klar. M\u00e4nner durften ein Bankkonto er\u00f6ffnen, verheiratete Frauen nicht (in der Schweiz bis 1976). Ich denke, im Genderbereich ben\u00f6tigen wir mittelfristig wieder ein Denkwerkzeug, das zwar besser allen vorhandenen Bed\u00fcrfnissen gerecht wird, aber nicht viel komplexer ist, als es die alte Einteilung war. Momentan ist ein solches Denkwerkzeug allerdings noch nirgends zu erkennen und wir m\u00fcssen daher mit den h\u00f6heren Kosten leben, welche die Flexibilisierung der Genderkategorien mit sich bringt.<\/p>\n<p>[<a href=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/kosten\/\">Kosten<\/a>]<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Quinn PC, Yahr J, Kuhn A, Slater AM, Pascalils O. Representation of the gender of human faces by infants: a preference for female. Perception. 2002;31(9):1109-21.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>LGBT*Q 1968, als ich ein Teenager war, haben wir die Menschen in zwei Kategorien eingeteilt: Frauen und M\u00e4nner. 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