{"id":4804,"date":"2023-03-22T08:40:07","date_gmt":"2023-03-22T07:40:07","guid":{"rendered":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/?page_id=4804"},"modified":"2023-05-16T08:32:49","modified_gmt":"2023-05-16T07:32:49","slug":"corona-experte","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/expertinnen\/corona-experte\/","title":{"rendered":"Corona Experte"},"content":{"rendered":"<div style=\"background-color: lavenderblush;\">\n<p><strong>Der Anteil der Variante wird gr\u00f6sser \u2013 und es passiert nichts<\/strong><\/p>\n<p>Bericht auf SRF im Februar 2021<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>:<\/p>\n<p>Die Corona-Fallzahlen sinken in der Schweiz seit Wochen, doch die Anzahl der mutierten Varianten nimmt stetig zu. In Deutschland wurden deswegen gerade die Massnahmen verl\u00e4ngert, in der Schweiz sind Lockerungen per Ende Februar wenig wahrscheinlich. Dabei wird immer wieder auf Modelle verwiesen, nach denen mit den Varianten die Fallzahlen wieder steigen w\u00fcrden. Doch der renommierte deutsche Forscher Klaus St\u00f6hr widerspricht: Daf\u00fcr gebe es bis jetzt keine Anzeichen.<\/p>\n<p><em>SRF News: Die Angst vor Corona-Mutationen ist gross und bestimmt in Deutschland wie der Schweiz die Strategie zur Bek\u00e4mpfung des Coronavirus. Sie beobachten die internationale Entwicklung sehr genau, ist die Angst \u00fcbertrieben?<\/em><\/p>\n<p>Klaus St\u00f6hr: In England haben Epidemiologen und Labortechniker zun\u00e4chst beobachtet, dass die neue Variante ansteckender ist. Da war die Sorge nat\u00fcrlich gross und berechtigt. Interessanterweise gibt es jedoch keine h\u00f6heren krankmachenden Eigenschaften, keine h\u00f6here Sterblichkeit und auch keine Ver\u00e4nderung in der Altersstruktur der Erkrankten. Das haben inzwischen epidemiologische Untersuchungen ergeben.<\/p>\n<p><em>In Grossbritannien und Irland war die Furcht vor der Variante besonders gross, die Situation schien schlimmer zu werden?<\/em><\/p>\n<p>In Irland hatte man zum Ende des letzten Jahres einen dramatischen Anstieg der Gesamtf\u00e4lle beobachtet. Dieser wurde von den irischen Gesundheitsbeh\u00f6rden eindeutig auf das ver\u00e4nderte soziale Verhalten der Iren zur\u00fcckgef\u00fchrt und hatte nur am Rande mit der Variante zu tun. Erst in den letzten Tagen vor dem Peak ist die Variante vermehrt beobachtet worden, da waren rund 20 Prozent der Variante zuzuordnen. Interessanterweise sind danach die F\u00e4lle um 80 Prozent gesunken, gleichzeitig hat sich der Anteil der Variante auf fast 50 Prozent erh\u00f6ht. Das bedeutet: Die Bek\u00e4mpfung durch Massnahmen hat funktioniert, trotz der signifikanten Zunahme der Variante.<\/p>\n<p>In Grossbritannien war zum H\u00f6hepunkt die Variante bereits f\u00fcr viele F\u00e4lle verantwortlich. Doch auch hier sind die Fallzahlen in den letzten Wochen nun um zwei Drittel eingebrochen, obwohl die Variante anteilsm\u00e4ssig noch mehr zugenommen und fast hundert Prozent erreicht hat.<\/p>\n<p><em>In der Schweiz hatten und haben wir keinen so starken Lockdown wie in Irland und Grossbritannien, was ist hier zu beobachten?<\/em><\/p>\n<p>Die Schweiz ist mit D\u00e4nemark vergleichbar, was Massnahmen und Fallzahlen angeht. Wir sehen bei beiden L\u00e4ndern einen linearen R\u00fcckgang. Gleichzeitig nehmen auch hier die Varianten sukzessive zu.<\/p>\n<p><em>Eigentlich w\u00e4re es ja logisch, dass nun die Fallzahlen wieder ansteigen, die Variante ist schliesslich ansteckender?<\/em><\/p>\n<p>Der Denkansatz ist falsch, dass Mutationen, die im Labor und in den Modellrechnungen ansteckender sind, dies auch in der realen Welt sein m\u00fcssen. Varianten entstehen immer \u2013 und wenn nun die Modelle mit h\u00f6herer Infektiosit\u00e4t nicht mit der Wirklichkeit \u00fcbereinstimmen, dann muss man das Modell \u00e4ndern. Die im Labor beobachtete h\u00f6here Ansteckung wirkt sich in der realen Bek\u00e4mpfung offenbar nicht negativ aus.<\/p>\n<p><em>Die Modelle, die auch hierzulande gerne zur Illustration gezeigt werden, sind also falsch?<\/em><\/p>\n<p>Modelle sind nur so gut wie die Datengrundlage. Und wenn diese unklar ist, k\u00f6nnen die Modelle auch falsch liegen. Nun haben wir genug empirische Daten gesammelt, wenn man sich die Trends in verschiedenen L\u00e4ndern anschaut, dass man die Modelle nun ganz schnell \u00fcberdenken sollte.<\/p>\n<p><em>Die L\u00e4nder haben unterschiedliche Massnahmen, wie wirkt sich das denn konkret aus?<\/em><\/p>\n<p>Es gibt L\u00e4nder, die nach einem schlimmen Peak harte Massnahmen ergriffen haben, wie England und Irland, und die Massnahmen haben gewirkt, trotz Varianten. In L\u00e4ndern wie der Schweiz, Deutschland oder D\u00e4nemark hat es in den letzten Wochen keine grossen \u00c4nderungen in der Bek\u00e4mpfungsstrategie gegeben, und die Fallzahlen sinken entsprechend weniger ab. Gleichzeitig wird der Anteil der Variante immer gr\u00f6sser \u2013 und es passiert nichts.<\/p>\n<p>In Frankreich zum Beispiel sind die Massnahmen weniger streng, die Varianten nehmen signifikant zu und die Fallzahlen nur leicht. Auch hier: keinen Einfluss.<\/p>\n<p><em>Was m\u00fcsste denn jetzt in L\u00e4ndern wie Deutschland und der Schweiz passieren? <\/em><\/p>\n<p>Ich vertrete hier eine Einzelmeinung, insbesondere was Deutschland angeht. [\u2026]<\/p>\n<\/div>\n<p>H\u00e4tten wir damals diesem Experten glauben sollen? Unterdessen wissen wir ja, dass die sogenannte Delta-Variante, im Gegensatz zu seinen \u00dcberlegungen, sehr wohl hoch-ansteckend ist und zu neuen Wellen von Ansteckungen gef\u00fchrt hat. Aber h\u00e4tten wir ihm damals glauben sollen?<\/p>\n<p>Wie vorgeschlagen sollten wir uns dazu zuerst einmal fragen: Wozu brauchen wir das hier besprochene Denkwerkzeug und hat der Experte es im Hinblick auf diesen Zweck entwickelt?<\/p>\n<p><strong>Eigenes Interesse\/Verwendungszweck:<\/strong> Vermutlich hatten Sie gar keinen bestimmten Zweck verbunden mit Covid-19 im Sinn, als sie begannen, den Text oben zu lesen. Bei mir war das etwas anders. Seit die Pandemie ausgebrochen ist, lese ich vieles zum Thema. Ich wollte mir ein Bild davon machen, wie es in n\u00e4chster Zeit weitergehen k\u00f6nnte. Ein Sohn und seine Familie leben in Deutschland, ich lebe in der Schweiz, und da stellte sich immer wieder die Frage, ob und wann gegenseitige Besuche m\u00f6glich sein werden.<\/p>\n<p><strong>Interesse\/Verwendungszweck des Experten:<\/strong> Lassen wir einmal die Interessen des Journalisten weg, durch die die Darstellung selbstverst\u00e4ndlich gefiltert wird. Nehmen wir an, wir k\u00f6nnten durch das, was gesagt wird, direkt auf die Interessen des Experten schliessen. Auch er m\u00f6chte vorhersagen, wie sich die Situation weiter entwickelt. Damit decken sich sein und mein Interesse. (Dar\u00fcber hinaus m\u00f6chte er aber auch noch, dass sich seine Meinung durchsetzt. Dieses zweite Interesse verleitet ihn vielleicht dazu, die Situation eindeutiger darzustellen, als sie ihm erscheint.)<\/p>\n<p><strong>Empfehlung:<\/strong> Der Journalist empfiehlt uns den Experten, indem er schreibt: \u201eder renommierte deutsche Forscher Klaus St\u00f6hr\u201c. Da ich SRF selbst f\u00fcr eine verl\u00e4ssliche Quelle halte, nehme ich einmal an, dass der Journalist das nicht so leichthin sagt und bin bereit, dem Experten eine gewisse Kompetenz zuzusprechen. Einmal kurz googeln zeigt zudem, dass Klaus St\u00f6hr von allen m\u00f6glichen Medien st\u00e4ndig zum Thema Covid-19 befragt wird; eine starke Empfehlung.<\/p>\n<p><strong>Breite Erfahrung:<\/strong> Wenn mir die Empfehlung noch nicht reicht, kann ich versuchen, weitere Informationen einzuholen. Auf Wikipedia finde ich: \u201eW\u00e4hrend seiner 15-j\u00e4hrigen T\u00e4tigkeit f\u00fcr die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Weltgesundheitsorganisation\">Weltgesundheitsorganisation<\/a> (WHO) war er [Klaus St\u00f6hr] u.\u00a0a. Leiter des Globalen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Influenza\">Influenza<\/a>-Programms und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Schweres_akutes_Atemwegssyndrom\">SARS<\/a>-Forschungskoordinator. Von 2007 bis Ende 2017 arbeitete er in der Impfstoffentwicklung und weiteren Funktionen bei <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Novartis\">Novartis<\/a>.\u201c Mit Viren und deren Bek\u00e4mpfung hat er also offensichtlich ausf\u00fchrlich Erfahrungen gesammelt. Es folgt weiter unten: Bei der WHO \u201ewar er u.\u00a0a. verantwortlich f\u00fcr die j\u00e4hrliche Festlegung der Impfst\u00e4mme f\u00fcr die weltweite Influenzaimpfstoffproduktion und f\u00fcr die Pandemieplanung.\u201c Er hat also genau mit der Anwendung von Denkwerkzeugen, von denen er spricht \u2013 Modelle zu Prognose des Verlaufs von Pandemien \u2013 breite, praktische Erfahrung gemacht.<\/p>\n<p><strong>Mehrere Expert:innen: <\/strong>Ehrlicherweise sagt er: \u201eIch vertrete hier eine Einzelmeinung.\u201c (Laut Wikipedia arbeitet er seit 2018 \u201eals freier Berater\u201c). Dies ist ihm hoch anzurechnen, schw\u00e4cht aber seine Position. Seiner Einzelmeinung gegen\u00fcber stehen Prognosemodelle, die von ganzen Gruppen von Forschenden entwickelt wurden, hinter denen also viele \u2013 und ich nehme nun einmal an ebenso erfahrene \u2013 Forschende stehen. Das macht mich eher skeptisch. Selbstverst\u00e4ndlich k\u00f6nnen sich 99 Experten irren und ein einziger dagegen Recht haben. Aber wahrscheinlich ist das nicht.<\/p>\n<p>Seine Argumentation mit den Fallzahlen in den verschiedenen L\u00e4ndern ist f\u00fcr mich als Laie leider nicht hilfreich. Ich verstehe, dass nach seiner Meinung die im Labor beobachtete h\u00f6here Ansteckungsrate der Delta-Variante nicht unbedingt heissen muss, dass sie auch im Alltag ansteckender ist, und dass er in den erw\u00e4hnten L\u00e4ndern keine h\u00f6here Ansteckung beobachtet. Aber ob das stichhaltig ist, kann ich nicht beurteilen.<\/p>\n<p>Meine Schlussfolgerung war daher damals: Ich sah keinen Grund, Klaus St\u00f6hr zu folgen und zu erwarten, dass sich die Delta-Variante nicht doch noch negativ bemerkbar machen wird. Ich nahm aber seinen Widerspruch gegen\u00fcber den Mehrheitsmodellen als Hinweis, dass es vermutlich noch mehr Daten und einige Zeit braucht, bis Klarheit herrscht. Da ich in jenem Moment nicht handeln musste (bspw. eine Reise nach Deutschland planen), konnte ich gut mit einem \u201eUnentschieden\u201c zwischen den Prognosen zwei verschiedener Denkwerkzeuge (St\u00f6hrs und das der Mehrheit der Experten) leben und abwarten, wie sich die Situation entwickeln w\u00fcrde.<\/p>\n<p>[<a href=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/expertinnen\/\">Expert:innen<\/a>]<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.srf.ch\/news\/international\/coronavirus-der-anteil-der-variante-wird-groesser-und-es-passiert-nichts\"><em>https:\/\/www.srf.ch\/news\/international\/coronavirus-der-anteil-der-variante-wird-groesser-und-es-passiert-nichts<\/em><\/a><em>, 11.2.2021, 17:13\u00a0Uhr, das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte Matthias Schmid.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Anteil der Variante wird gr\u00f6sser \u2013 und es passiert nichts Bericht auf SRF im Februar 2021[1]: Die Corona-Fallzahlen sinken in der Schweiz seit Wochen, doch die Anzahl der mutierten Varianten nimmt stetig zu. 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