{"id":4784,"date":"2023-03-18T15:56:34","date_gmt":"2023-03-18T14:56:34","guid":{"rendered":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/?page_id=4784"},"modified":"2023-06-05T19:23:01","modified_gmt":"2023-06-05T18:23:01","slug":"verwendungszweck","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/verwendungszweck\/","title":{"rendered":"Verwendungszweck"},"content":{"rendered":"<p>Vielleicht war der Moment, <a href=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/nuetzlichkeit#Vater\">als ich mit meinem schwitzenden Vater auf dem Berggipfel stand<\/a>, der Moment, wo ich auch zum Pragmatiker (im philosophischen Sinn) geworden bin. Entscheidend war dann aber, dass ich einige Zeit sp\u00e4ter J\u00fcrgen Habermas Buch <em>Erkenntnis und Interesse<\/em> gelesen habe.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Habermas rollt darin auch die Geschichte der Suche nach Kriterien f\u00fcr die Wahrheit auf und kommt zum Schluss, dass wir nur Kriterien zur Beurteilung von Denkwerkzeugen gewinnen k\u00f6nnen, wenn wir uns klar machen, wozu wir sie gebrauchen m\u00f6chten. N\u00fctzlichkeit ist nichts Absolutes, sondern h\u00e4ngt vom Ziel ab, das wir erreichen m\u00f6chten.<\/p>\n<div id=\"Habermas\">Habermas arbeitet in seinem Buch drei grundverschiedene Ziele (bei ihm: \u201eInteressen\u201c) heraus:<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Technisches Interesse:<\/strong> Das Fenster steht offen, es wird langsam kalt. Was muss ich tun, damit es im Zimmer wieder w\u00e4rmer wird?<\/li>\n<li><strong>Praktisches Interesse:<\/strong> Wir haben G\u00e4ste eingeladen. Ich m\u00f6chte zusammen mit meiner Frau ein Vier-Gang-Men\u00fc zubereiten. Wie kann ich erreichen, dass wir Hand in Hand daran arbeiten k\u00f6nnen?<\/li>\n<li><strong>Emanzipatorisches Interesse:<\/strong> Gewisse \u00dcberzeugungen der Lehrpersonen in meinem Kurs hindern sie daran, auf die Bed\u00fcrfnisse ihrer Lernenden einzugehen. Wie kann ich ihnen helfen, diese \u00dcberzeugungen durch hilfreichere zu ersetzen?<\/li>\n<\/ul>\n<\/div>\n<p>Das Interessante an Habermas Einteilung ist, dass je nach Art des Ziels, je nach Interesse, die n\u00fctzlichen Denkwerkzeuge eine andere Form annehmen und die Erfolgskriterien anders aussehen. Beim technischen Interesse kreist unser Denken um Gegenst\u00e4nde bzw. Objekte. Wir messen ihre Eigenschaften und wir kennen Regeln in der Form: \u201eWenn das Fenster offen ist und ich m\u00f6chte, dass es geschlossen ist, dann kann ich das erreichen, indem ich \u2026\u201c. Diese Regeln sind n\u00fctzlich, wenn sie mir erlauben, das Fenster zu schliessen, wann immer ich m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Beim praktischen Interesse hat sich hingegen \u00fcber eine viele tausend Jahre alte Erfahrung die Haltung herausgebildet, dass man die Gegen\u00fcber, mit denen man zusammenarbeiten m\u00f6chte, nicht als Objekte, sondern als Subjekte mit Ideen, W\u00fcnschen, Gef\u00fchlen etc. behandelt. Diese Ideen, W\u00fcnsche etc. kann man nicht messen, wie die Eigenschaften der Objekte; man muss sie erfragen, man muss mit dem Gegen\u00fcber reden. Und man kann sich auch nicht Ziele setzen, wie beim technischen Interesse, denn wenn mehrere Personen zusammenarbeiten, entstehen gemeinsame Ziele erst in der Zusammenarbeit. Das Kriterium des Gelingens ist hier, ob eine befriedigende Kooperation zu Stande kommt.<\/p>\n<p>Ich denke, das Beispiel illustriert, dass es zur Beurteilung der N\u00fctzlichkeit von Denkwerkzeugen keine allgemeinen Kriterien gibt:<\/p>\n<p><a name=\"_Toc127130917\"><\/a><strong>Ob ein Denkwerkzeug n\u00fctzlich ist, k\u00f6nnen wir nur entscheiden, wenn wir wissen, zu welchem Zweck wir es einsetzen m\u00f6chten.<\/strong><\/p>\n<p>Habermas war vermutlich der Meinung, mit diesen drei \u201eInteressen\u201c zumindest die wichtigsten Zwecke der Wissensgenerierung beschrieben zu haben. Jedenfalls hat er nach diesem Buch das Thema nicht weiter bearbeitet und sich anderen Fragen zugewendet. Aber wir m\u00fcssen nicht dabei stehen bleiben. Die Idee der Wiedergeburt bspw. scheint mir nicht so recht zu einem der drei Interessen von Habermas zu passen. Wenn ich an die Avalon Romane von Marion Zimmer Bradley denke<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>, wo Wiedergeburten eine wichtige Rolle spielen, dann erinnere ich mich, beim Lesen ein gutes Gef\u00fchl eines vernetzten Kosmos gehabt zu haben. Vielleicht ist das Erleben eines solchen Gef\u00fchls der Zweck, den meine Bekannte mit diesem Denkwerkzeug verfolgt. Ich bin leider nicht dazu gekommen, sie dazu zu befragen.<\/p>\n<p>Auch bei <a href=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/#Fall1\">Meiers und M\u00fcllers<\/a> lassen sich verschiedene Verwendungszwecke vermuten. Als Erstes scheint da ein <em>technisches Interesse<\/em> im Sinne von Habermas vorzuliegen. Meiers wie M\u00fcllers m\u00f6chten, dass ein bestimmter Zustand eintritt bzw. nicht eintritt. Bei Meiers ist der Bezug zum <em>technischen Interesse<\/em> recht eindeutig. Ihre Kinder sollen die entsprechenden Vieren erfolgreich abwehren k\u00f6nnen, so dass die jeweiligen Krankheiten nicht ausbrechen. Die Eltern behandeln dabei ihre Kinder als (biologische) Objekte. Sie bef\u00fcrchten, dass die Kinder physisch Schaden nehmen k\u00f6nnten, und wollen das verhindern. Konsequenterweise werden die Kinder auch nicht um ihre Meinung gefragt, sondern es wird \u00fcber sie verf\u00fcgt.<\/p>\n<p>Bei M\u00fcllers k\u00f6nnte man zuerst auch ein technisches Interesse vermuten: Die Kinder sollen die Viren in ihre K\u00f6rper lassen, so dass die Krankheiten ausbrechen. Nur ist das eigentliche Ziel ja nicht, dass sie krank werden, sondern dass sie dank der Krankheit einen Schritt in ihrer Entwicklung machen, wobei die M\u00fcllers dabei vermutlich auch oder vor allem an eine psychische Entwicklung denken. Von den Anthroposophen wird in diesem Zusammenhang gern zitiert, dass Goethe die vielen durchgemachten Kinderkrankheiten als Reifeschritte erlebte, die seinen Hang zum Nachdenken vermehrten.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Dies sind nun aber Begriffe aus der Welt des <em>praktischen Interesses<\/em> im Sinne von Habermas.<\/p>\n<p>Wenn jetzt Meiers aus einem <em>technischen Interesse<\/em> heraus argumentieren und die M\u00fcllers eher aus einem <em>praktischen<\/em>, dann k\u00f6nnen wir uns gut vorstellen, dass ein Gespr\u00e4ch zwischen ihnen auch bei gutem Willen nicht einfach ist. Zu unterschiedlich sind unter den jeweiligen Perspektiven die Kriterien, was als \u00fcberzeugendes Argument gilt.<\/p>\n<p>Die Kombination von technischem \u2013 die M\u00fcllers lassen ihre Kinder genauso wenig mitentscheiden \u2013 und praktischem Zugang, wie wir ihn bei M\u00fcllers finden, ist \u00fcbrigens im medizinischen Bereich verbreitet. Wenn mir mein Arzt sagt \u201eNehmen Sie die n\u00e4chsten drei Tage dreimal t\u00e4glich je eine dieser Tabletten\u201c, dann versucht er mich sowohl mit einem technischen wie einem praktischen Zugang zu heilen. Habe ich die Tablette einmal eingenommen, wirkt sie nach technischer Logik; sie und ich sind Objekte in einem biologisch\/chemischen Prozess. Mit der m\u00fcndlichen Anweisung versucht der Arzt aber zus\u00e4tzlich auf typisch praktische Art im Gespr\u00e4ch mich zur Kooperation und Mitarbeit in diesem Vorgang zu bewegen. Er wird mir \u00fcber die kurze Anweisung hinaus erkl\u00e4ren, wozu das Ganze gut ist, und mir vielleicht ein bisschen Angst davor machen, was geschieht, wenn ich nicht kooperiere. Das <em>medizinische Interesse<\/em> ist also weder rein <em>technisch <\/em>noch rein <em>praktisch<\/em>, sondern eine sehr spezifische Kombination der beiden.<\/p>\n<div id=\"SpekulationSekte\">Bei M\u00fcllers k\u00f6nnte der eigentliche Zweck, der ihr Denkwerkzeug erf\u00fcllen soll, noch ein ganz anderer sein. Vielleicht sind sie Mitglieder einer Sekte, die wie jede Sekte versucht, ihre Mitglieder m\u00f6glichst von der Umwelt abzuschneiden. Wenn diese Sekte die M\u00fcllers dazu bringt, sich dem Impfen der Kinder zu verweigern, dann erschwert das f\u00fcr M\u00fcllers die <a href=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/kooperation\/\">Kooperation<\/a> mit einer Umwelt, in der Impfen \u00fcblich ist, und f\u00f6rdert die gew\u00fcnschte Isolation. In diesem Fall w\u00e4re es den Produzenten des Denkwerkzeugs, den Ideologen der Sekte, v\u00f6llig egal, welche Wirkung die Kinderkrankheiten bei den Kindern haben. Die Wirkung, an der sie interessiert sind, ist nur die Isolation ihrer Mitglieder von der Umwelt.<\/div>\n<p>Ich denke, das Beispiel illustriert, dass sich \u00fcber Habermas drei Erkenntnisinteressen hinaus viele andere Interessen formulieren lassen, die sich mehr oder weniger deutlich davon unterscheiden\u00a0 (ein weiteres Beispiel: <a href=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/verwendungszweck\/unterrichtsrezepte\/\">Unterrichtsrezepte<\/a>). Je pr\u00e4ziser wir sie fassen, je genauer wir die Ziele umschreiben, die erreicht werden sollen, umso einfacher k\u00f6nnen wir beurteilen, ob das im Hinblick auf diese Ziele geschaffene Wissen n\u00fctzlich ist.<\/p>\n<p>Weiter lesen &gt;&gt; <a href=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/expertinnen\/\">Expert:innen<\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Habermas, J. (1968). <em>Erkenntnis und Interesse<\/em>. Frankfurt a. Main: Suhrkamp.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Als Einstieg: Zimmer Bradley, M. (1987). Die Nebel von Avalon. Fischer.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.erziehungskunst.de\/artikel\/fruehe-kindheit\/haben-kinderkrankheiten-noch-einen-sinn\/\">https:\/\/www.erziehungskunst.de\/artikel\/fruehe-kindheit\/haben-kinderkrankheiten-noch-einen-sinn\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vielleicht war der Moment, als ich mit meinem schwitzenden Vater auf dem Berggipfel stand, der Moment, wo ich auch zum Pragmatiker (im philosophischen Sinn) geworden bin. 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