{"id":4750,"date":"2023-03-05T15:09:20","date_gmt":"2023-03-05T14:09:20","guid":{"rendered":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/?page_id=4750"},"modified":"2023-07-18T12:42:56","modified_gmt":"2023-07-18T11:42:56","slug":"kooperation","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/kooperation\/","title":{"rendered":"Kooperation"},"content":{"rendered":"<p>\u201e<a href=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/wahrheit\/\">Wahrheit<\/a>\u201c ist also ein schlechtes Kriterium, wenn wir entscheiden m\u00fcssen, wem wir was glauben wollen. Aber es gibt andere Kriterien, die wir beiziehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Menschliches Leben ist ohne Kooperation nicht m\u00f6glich. F\u00fcr unser durchschnittliches Leben \u2013 bei dem wir im Supermarkt Nahrungsmittel einkaufen, die andere f\u00fcr uns bereitgestellt haben, und dann gut gen\u00e4hrt unsere Arbeitskraft irgendwo zur Verf\u00fcgung stellen, damit wir mit dem verdienten Geld wieder im Supermarkt einkaufen k\u00f6nnen \u2013 d\u00fcrfte dies ohne weiteres einleuchten. Aber auch wenn jemand versucht, \u201eautark\u201c zu leben, sein eigenes Gem\u00fcse anbaut und sich davon ern\u00e4hrt, wird er dabei Werkzeuge wie Spaten oder Messer einsetzen, die andere f\u00fcr ihn angefertigt haben und f\u00fcr die wieder andere das ben\u00f6tigte Metall aus der Erde geholt haben. Allenfalls auf dem Niveau der Steinzeit w\u00e4re ein \u201eautarkes\u201c Leben noch denkbar \u2013 sofern man die richtigen Steine in der N\u00e4he hat und sie nicht bei anderen Steinzeitmenschen eintauschen muss. Aber in unserer Zeit ist auch ein einfaches Leben ohne Austausch und Kooperation mit anderen Menschen nicht denkbar.<\/p>\n<div style=\"background-color: lavenderblush;\">\n<p><strong id=\"Fall4\">Absturz einer Marssonde<\/strong><\/p>\n<p>1999 st\u00fcrzte der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mars_Climate_Orbiter\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Mars Climate Orbiter<\/a> beim Eintritt in eine Umlaufbahn um den Mars ab.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Eine Untersuchungskommission fand schnell den Grund daf\u00fcr: Die NASA verwendete als Masseinheiten Meter und Kilogramm und gab Steuerbefehle an die Sonde auch in diesen Einheiten durch. Die Navigationssoftware des Herstellers Lockheed Martin rechnete dagegen in Fuss und Pfund, \u201everstand\u201c die Anweisungen daher v\u00f6llig falsch und bremste die Sonde viel zu stark ab.<\/p>\n<p>Das internationale Einheitensystem (Meter, Gramm) und das sog. Imperiale System (feet, pound) sind im Prinzip gleich n\u00fctzlich, man kann also das eine oder das andere verwenden. Will man aber zusammenarbeiten, ist zwingend, dass man sich auf eines der beiden einigt (oder zumindest f\u00fcr die notwendigen Umrechnungen sorgt).<\/p>\n<\/div>\n<p>Was die kleine Fallstudie zeigen will, ist eigentlich trivial: Zu einem bestimmten Thema kann es gut unterschiedliche, gleichwertige Denkwerkzeuge geben. Diejenigen, die in Meter und Gramm denken und rechnen, kommen in ihrem Teil der Welt genauso gut zurecht, wie die Leute in den USA mit Hilfe von feet und pound. Auch <em>Flach-Erde-Theoretiker <\/em>k\u00f6nnen in ihren Foren und auf ihren Tagungen sehr gut miteinander diskutieren. Schwierigkeiten bekommen sie erst, wenn sie bei der NASA mitarbeiten wollen. Das Denkwerkzeug der NASA ist ganz klar die <em>Rund-Erde-Theorie<\/em> und wer dort mitarbeiten will, muss sich dessen bedienen. Genauso wie alle, die in einer bestimmten Zeitzone wohnen, am besten die dort g\u00fcltige Zeit verwenden, wenn sie nicht st\u00e4ndig Koordinationsprobleme haben wollen.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen schon gegen den Strom schwimmen und in einer beliebigen privaten Gedankenwelt leben. Etwa so, wie der Mann in einer von Peter Bichsels \u201eKindergeschichten\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>: Er beschliesst, sein Bett \u201eBild\u201c zu nennen und den Stuhl \u201eWecker\u201c. Und auch die anderen Gegenst\u00e4nde in seinem Zimmer tauft er systematisch um. Von nun an verl\u00e4sst er am Morgen das Bild und setzt sich an den Teppich auf den Wecker. Der Mann zieht das konsequent durch, bis er am Schluss v\u00f6llig vereinsamt und mit niemandem mehr sprechen kann. \u201eAber eine lustige Geschichte ist das nicht\u201c, wie Peter Bichsel trocken anmerkt.<\/p>\n<p><strong id=\"FuerKooperationWaehlen\">Leben k\u00f6nnen wir nur in Kooperation. Und Kooperation setzt voraus, dass wir uns auf gemeinsame Denkwerkzeuge einigen.<\/strong><\/p>\n<p>Entscheiden wir uns f\u00fcr den Gebrauch eines bestimmten Denkwerkzeugs, \u00fcbernehmen wir die Verantwortung f\u00fcr das Gelingen oder allenfalls auch das Misslingen einer Kooperation. F\u00fcr mich war es deshalb im Zusammenhang mit COVID-19 relativ einfach, mich zu entscheiden, ob ich mich impfen lasse oder nicht. In den ersten Monaten war zwar nicht ganz klar, welches der beiden folgenden Denkwerkzeuge f\u00fcr mein pers\u00f6nliches Wohlbefinden das bessere ist: \u201eImpfen verhindert schwere Krankheitsverl\u00e4ufe und d\u00e4mpft das Infektionsgeschehen\u201c oder \u201eDie Nebenwirkungen und Langzeitwirkungen der Impfung sind noch viel zu wenig bekannt, sodass man das Risiko nicht eingehen sollte\u201c. Aber ich kam zum Schluss, dass eine Impfverweigerung sich st\u00f6rend auf die so notwendige Kooperation zur Bew\u00e4ltigung der Pandemie auswirken w\u00fcrde. Entsprechend liess ich mich bei der ersten sich bietenden Gelegenheit impfen.<\/p>\n<p>Wenn ich andere Menschen dazu anstifte, ein bestimmtes Denkwerkzeug zu nutzen, dann \u00fcbernehme ich zudem auch die Verantwortung f\u00fcr das Gelingen oder Misslingen ihrer unter Umst\u00e4nden lebenswichtigen Kooperationen. Sollten M\u00fcllers sp\u00e4ter das Gespr\u00e4ch fortzusetzen versuchen (<a href=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/#Fall1\">Impfgegner<\/a>), um Meiers zu \u00fcberzeugen, dass Impfen f\u00fcr die Kinder schlecht ist, dann riskieren sie, dass die Meiers einen neuen Kinderarzt suchen m\u00fcssen und sich zudem in ihrem Bekanntenkreis isolieren. (Das kann nat\u00fcrlich auch Absicht sein, wenn M\u00fcllers etwa einer Sekte angeh\u00f6ren und Meiers in diesen isolierten Kreis ziehen m\u00f6chten.)<\/p>\n<p><strong id=\"StoerungKooperationVermeiden\">Wir sollten anderen nur dann ein Denkwerkzeug empfehlen, wenn wir sicher sind, dass die verbesserte Qualit\u00e4t des Werkzeugs die dadurch verursachte St\u00f6rung der Kooperation in ihrem Umfeld \u00fcberwiegt.<\/strong><\/p>\n<p>(Ein weiteres Fallbeispiel zur Frage der Kooperation beim Einsatz von Denkwerkzeugen: <a href=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/kooperation\/lehrerweiterbildung\">Lehrerweiterbildung<\/a>)<\/p>\n<p>Da Denkwerkzeuge immer in einem kooperativen Zusammenhang eingesetzt werden, haben es \u00fcbrigens neue Denkwerkzeuge oft schwer, sich durchzusetzen, auch wenn sie deutlich n\u00fctzlicher w\u00e4ren. Ihnen geht es wie dem Layout der Schreibmaschinentastatur: Die sogenannte QWERTY Anordnung der Buchstaben auf der Tastatur wurde geschaffen, damit sich die Typenhebel der alten mechanischen Schreibmaschinen m\u00f6glichst selten gegenseitig in die Quere kommen. Buchstaben, die h\u00e4ufig hintereinander getippt werden, liegen daher weit auseinander. Die heutigen elektronischen Tastaturen kennen dieses Problem nicht mehr, sodass es m\u00f6glich w\u00e4re, andere Layouts einzuf\u00fchren, die die vielleicht ein schnelleres und fl\u00fcssigeres Schreiben erm\u00f6glichen w\u00fcrden. QWERTY ist aber so verbreitet und vertraut, dass alternative Layouts bisher keine Chance hatten.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><\/a>Weiter lesen &gt;&gt; <a href=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/nuetzlichkeit\/\">N\u00fctzlichkeit<\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Vgl. auf: Holt, N. (2016). <em>Rise of the Rocket Girls<\/em>. New York: Little, Brown and Company.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Bichsel, Peter (1969) Kindergeschichten. Neuwied: Luchterhand<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eWahrheit\u201c ist also ein schlechtes Kriterium, wenn wir entscheiden m\u00fcssen, wem wir was glauben wollen. Aber es gibt andere Kriterien, die wir beiziehen k\u00f6nnen. Menschliches Leben ist ohne Kooperation nicht m\u00f6glich. 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