{"id":4730,"date":"2023-03-02T09:57:28","date_gmt":"2023-03-02T08:57:28","guid":{"rendered":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/?page_id=4730"},"modified":"2023-07-03T11:01:16","modified_gmt":"2023-07-03T10:01:16","slug":"geschichtliches-zur-wahrheit","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/nuetzlichkeit\/geschichtliches-zur-wahrheit\/","title":{"rendered":"Geschichtliches zur Wahrheit"},"content":{"rendered":"<p>Philosophen und Wissenschaftstheoretiker haben seit Jahrtausenden versucht, Kriterien daf\u00fcr anzugeben, woran man Wahrheit erkennen kann. Und sie sind alle gescheitert. Ich m\u00f6chte hier nicht diese ganze Diskussion aufrollen, die irgendwo mit Plato bei den alten Griechen beginnt und im Grunde genommen immer noch andauert.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Hier nur ein paar Stichworte zur Entwicklung in neuerer Zeit.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Wenn es fr\u00fcher wissenschaftliche Grundsatzdiskussionen gab, war es bis weit in die Neuzeit die Autorit\u00e4t der Person, die dar\u00fcber entschied, ob etwas als wahr galt. Lange Zeit waren das vor allem die offiziellen Vertreter der Kirche, sp\u00e4ter die angesehenen \u201eWissenschaftler\u201c. Erst im 19. Jahrhundert setzte sich die Haltung durch, dass nicht die Person entscheidend ist, sondern die Methode, mit der sie das Wissen erarbeitet. Hatte jemand sauber zehnmal hintereinander verschieden schwere Kugeln vom Schiefen Turm von Pisa herunterfallen lassen und hatte es immer gleich lange gedauert, bis die Kugeln unten aufschlugen, so war er berechtigt zu sagen, dass die Fallgeschwindigkeit nicht vom Gewicht der Kugeln abh\u00e4ngt. Galileo war also nicht berechtigt, diese Behauptung aufzustellen, weil er ein \u201egrosser Wissenschaftler\u201c war, sondern weil er \u00e4hnliche Experimente gemacht hatte.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Vermutlich ist das die Haltung, mit der noch heute viele Forschenden ans Werk gehen. Aber es war schnell jemand mit der Frage bei der Hand: Ja und woher soll man denn wissen, was beim elften oder beim zweihundertsten Mal passiert? Als warnendes Beispiel wurde die Sache mit den Schw\u00e4nen angef\u00fchrt: Jemand, der in Europa lebt, kann in seinem Leben tausend weisse Schw\u00e4ne sehen und daher felsenfest davon \u00fcberzeugt sein, dass alle Schw\u00e4ne weiss sind. Kommen solche Europ\u00e4er:innen aber nach Australien, werden sie feststellen, dass es auch schwarze Schw\u00e4ne gibt. Eine einflussreiche Haltung war daher l\u00e4ngere Zeit, dass Experimente nie dazu dienen k\u00f6nnen, etwas zu beweisen (dass alle Schw\u00e4ne weiss sind), aber sehr wohl geeignet sind, etwas zu widerlegen (nicht alle Schw\u00e4ne sind weiss). Aus dieser Sicht w\u00e4re es die Aufgabe der Wissenschaft nicht, zu beweisen, dass etwas wahr ist, sondern st\u00e4ndig nach Beweisen zu suchen, dass etwas nicht stimmt.<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n<p>Die meisten Forschenden hat diese Diskussion nicht beeindruckt, denn nur den Auftrag zu haben, etwas zu widerlegen, ist wenig motivierend; spannender ist es, Neues zu entdecken. Aber auch auf der Ebene der philosophischen Diskussion war schnell klar, dass genauso, wie es kein sicheres Experiment geben kann, um zu beweisen, dass wirklich alle Kugeln gleich schnell fallen, es kein sicheres Experiment gibt, um das zu widerlegen. Wenn die elfte Kugel etwas l\u00e4nger braucht, bis sie unten aufschl\u00e4gt, heisst das nun, dass nicht alle Kugeln gleich schnell fallen? Oder war da vielleicht einfach eine Fliege im Weg, die zwar niemand gesehen hat, aber die die Kugel etwas abbremste? Oder hat derjenige, der die Kugel fallen liess, beim Loslassen etwas gez\u00f6gert? Oder hat derjenige, der die Zeit stoppen sollte, etwas geschlafen? Wie auch immer: Auch bei einem vermeintlichen Gegenbeispiel kann man nicht mit absoluter Sicherheit sagen, warum es jetzt nicht geklappt hat. Genauso wenig, wie man mit absoluter Sicherheit sagen kann, dass etwas stimmt, kann man kaum je nicht mit absoluter Sicherheit sagen, dass etwas nicht stimmt.<\/p>\n<p>Aktuell geht man davon aus, dass man auf keinen Fall einzelnen Beobachtungen oder einzelnen Forschenden bedingungslos glauben sollte, egal wie sauber ihre Methoden sind. Erst wenn sich unter den Forschenden ein Konsens herausbildet, wenn sich zumindest die grosse Mehrheit der Forschenden einig ist, dass alle Kugeln gleich schnell fallen \u2013 und das sind sie \u2013 macht es Sinn, dies als wahr zu betrachten. Aber nat\u00fcrlich: Auch wenn sich Tausende von Klimaforschenden einig sind, dass wir auf eine gef\u00e4hrliche Erw\u00e4rmung zusteuern, k\u00f6nnen sich im Prinzip immer noch alle zusammen irren.<\/p>\n<div style=\"background-color: lavenderblush;\">\n<p><a name=\"_Toc127785075\"><\/a><strong>Newton und Flamsteed<\/strong><a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\"><strong>[5]<\/strong><\/a><\/p>\n<p>1687 ver\u00f6ffentlichte Isaac Newton sein Hauptwerk und publizierte vier Formeln, mit deren Hilfe man u.a. berechnen kann, wie stark sich Erde und Sonne gegenseitig anziehen und was f\u00fcr eine Bewegung daraus entsteht. Dieselben Berechnungen kann man f\u00fcr alle Planeten machen, und so war es Newton m\u00f6glich, Prognosen zu machen, wann welcher Planet wo am Himmel zu sehen ist. Er schickte in einem Brief einige solche Prognosen an John Flamsteed, den damaligen obersten Hofastronomen des K\u00f6nigshauses, und bat ihn, diese zu \u00fcberpr\u00fcfen. Flamsteed tat dies und schrieb zur\u00fcck, dass nach seinen Beobachtungen die Prognosen falsch seien. Das beeindruckte Newton aber nicht, sondern er vermutete, dass eher Flamsteeds Beobachtungen nicht korrekt waren.<\/p>\n<p>Nicht dass Newton daran zweifelte, dass Flamsteed und seine Gehilfen sorgf\u00e4ltig gearbeitet hatten, daf\u00fcr war Flamsteed als viel zu gr\u00fcndlich und gewissenhaft bekannt. Aber man nahm bereits damals an, dass das Licht, wenn es von einem Planeten oder Stern kommen auf die Erdatmosph\u00e4re trifft, leicht abgelenkt wird. Das f\u00fchrt dazu, dass die Sterne und Planeten nicht genau dort am Himmel stehen, wo man sie sieht<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> und entsprechend ist eine gewisse Korrektur der Beobachtungsdaten n\u00f6tig, um die \u201erichtige\u201c Position der beobachteten Sterne und Planeten zu kennen. Newton vermutete daher, dass nicht seine Berechnungen falsch waren, sondern dass Flamsteed seine Beobachtungen nicht richtig korrigiert hatte. Unterdessen ist allgemein akzeptiert, dass Newton richtig lag.<\/p>\n<\/div>\n<p>Das Beispiel illustriert, dass wenn sich Theorie und Beobachtungen widersprechen, nicht zwingend die Theorie falsch sein muss. Denn wenn das Licht bei Eintritt in die Atmosph\u00e4re gebrochen wird, muss man das selbstverst\u00e4ndlich mit einbeziehen und kann nicht einfach darauf beharren, dass das, was man sieht, \u201ewahrer\u201c ist als das, was die Theorie vorhersagt.<\/p>\n<p><em>Ich verwende \u00fcbrigens hier im Teil \u201eToleranz\u201c absichtlich Beispiele aus dem Bereich der Naturwissenschaften. Im Gegensatz zu bspw. der Psychologie, stehen ja die Naturwissenschaften eher im Ruf, dass ihre Gesetze \u201ewahr\u201c sind. Ich hoffe daher, dass naturwissenschaftliche Beispiele umso eindr\u00fccklicher die Probleme mit dem Wahrheitsbegriff illustrieren. <\/em><\/p>\n<p>[<a href=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/nuetzlichkeit\/\">N\u00fctzlichkeit<\/a>]<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Bspw. Wengenroth, U. (Ed.). (2012). <em>Grenzen des Wissens &#8211; Wissen um Grenzen<\/em>. Weilerswist: Velbr\u00fcck.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> vgl. Oreskes, N. (2019). <em>Why Trust Science?<\/em> Princeton: Princeton University Press.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Allerdings liess er nie etwas vom Turm fallen, sondern Kugeln eine schiefe Ebene hinunterrollen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> <em>Kritischer Rationalismus<\/em>, bekannter Vertreter: Popper, Karl (1935) Logik der Forschung.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Worall, J. (2003). Normal Science and Dogmatism, Paradigms and Progress: Kuhn &#8218;versus&#8216; Popper and Lakatos. In T. Nickles (Ed.), Thomas Kuhn (pp. 65-100). Cambridge: Cambridge University Press.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Dasselbe geschieht, wenn Licht vom Wasser zur Luft \u00fcberwechselt, sodass bspw. Fische, die wir von aussen im Wasser schwimmen sehen, sich nicht dort befinden, wo sie uns erscheinen. Das macht es nicht ganz einfach, einen Fisch von Hand zu fangen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Philosophen und Wissenschaftstheoretiker haben seit Jahrtausenden versucht, Kriterien daf\u00fcr anzugeben, woran man Wahrheit erkennen kann. Und sie sind alle gescheitert. 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