{"id":4685,"date":"2023-03-01T18:03:53","date_gmt":"2023-03-01T17:03:53","guid":{"rendered":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/?page_id=4685"},"modified":"2023-06-05T19:28:33","modified_gmt":"2023-06-05T18:28:33","slug":"wahrheit","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/wahrheit\/","title":{"rendered":"Wahrheit?"},"content":{"rendered":"<p>Wenn wir uns \u00fcberlegen, ob wir etwas glauben sollen, stellen wir uns typischerweise die Frage: \u201eJa ist es denn wahr?\u201c. (Ist es wahr, dass <a href=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/#Fall1\">mit Masern im Bett zu liegen<\/a> eine wichtige Erfahrung ist? Ist es wahr, dass es <a href=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/#Fall2\">Wiedergeborene<\/a> gib?). <em>Wahrheit<\/em> ist aber ein sehr problematischer Begriff. Ich m\u00f6chte das gern einmal spielerisch an einem Beispiel illustrieren. Wie w\u00e4re es mit: Ist die Erde wirklich eine Kugel oder doch eher eine Scheibe?<\/p>\n<p>Ich hoffe, diese Frage ber\u00fchrt Sie nicht wirklich emotional, so dass Sie das Folgende in Ruhe lesen k\u00f6nnen. Sollten Sie hingegen eine gl\u00fchende Verfechterin oder ein gl\u00fchender Verfechter der <em>Flach-Erde-Theorie<\/em> sein, dann ist das hier leider kaum der optimale Einstieg f\u00fcr Sie. Lesen Sie trotzdem weiter. Ich verspreche, fair mit der <em>Flach-Erde-Theorie<\/em> umzugehen.<\/p>\n<p>Das Beispiel ist etwas l\u00e4nger, als alle anderen. Das kommt daher, dass wir etwas Zeit brauchen, um in die Thematik einzutauchen. Bitte nehmen Sie sich diese Zeit, denn ich versuche damit einen ganz zentralen Punkt zu illustrieren.<\/p>\n<div style=\"background-color: lavenderblush;\">\n<p><a name=\"_Toc127785074\"><\/a><strong id=\"Fall3\">Und wenn die Erde eine ebene Scheibe w\u00e4re?<\/strong><\/p>\n<p>Nehmen wir an, ein Bekannter er\u00f6ffnet mir eines Tages: \u201eIch habe mich informiert; die Erde ist keine Kugel, sondern in Wirklichkeit eine ebene Scheibe.\u201c Meine erste Reaktion darauf w\u00e4re wohl relativ entspannt: \u201eWenn du meinst.\u201c Mit dem Bild der Erde als flache Scheibe kann man ganz gut leben und sogar arbeiten. Wenn wir ein Einfamilienhaus planen, k\u00f6nnen wir die Erde im relevanten Umfeld problemlos als flache Scheibe behandeln. Auch den Plan einer kleineren Stadt k\u00f6nnen wir ohne Schwierigkeiten unter dieser Annahme erstellen und benutzen.<\/p>\n<p>Mein Bekannter meint seine Aussage aber als Herausforderung, die \u00fcber eine solch lokale Betrachtung hinausgeht und die ganze Erde im Blickfeld hat. Eine so verstandene <em>Flach-Erde-Theorie<\/em> muss ein paar Fragen beantworten k\u00f6nnen, wie bspw.: Wie kommen Tag und Nacht zustande?<\/p>\n<p>Die alten \u00c4gypter, f\u00fcr die die Erde eine Scheibe war, konnten sich noch vorstellen, dass am Abend die Sonne im Westen unter die Scheibe taucht, w\u00e4hrend der Nacht durch die Unterwelt in den Osten wandert und dann dort wieder von unten hervorkommt. Die uns heute bekannte Welt ist aber viel gr\u00f6sser als die der alten \u00c4gypter und wir wissen, dass immer irgendwo die Sonne scheint, ja dass es zu jedem Zeitpunkt einen Ort auf der Welt gibt, \u00fcber dem die Sonne genau im Zenit steht. Die Sonne taucht also nie unter die Erdoberfl\u00e4che und kommt ihr auch nie nahe. (Vgl.<a id=\"Sprung_Sonne\" href=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/wahrheit\/die-sonne-ueber-der-flachen-erde\/\"> Die Sonne \u00fcber der flachen Erde<\/a>)<\/p>\n<p>Damit braucht die <em>Flach-Erde-Theorie<\/em> heute eine andere Erkl\u00e4rung f\u00fcr Sonnenunterg\u00e4nge, als sie den alten \u00c4gyptern zur Verf\u00fcgung stand. Eine M\u00f6glichkeit w\u00e4re, dass die Sonne wie ein Scheinwerfer nur einen <a href=\"https:\/\/wiki.tfes.org\/Sun#Spotlight_effect\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">begrenzten Ausschnitt der Erde beleuchtet<\/a>. Dort, wo dieser Scheinwerfer nicht hinreicht, w\u00e4re dann Nacht.<\/p>\n<p>Allerdings l\u00f6st diese Annahme das Problem nicht wirklich. Bei der <em>Flach-Erde-Theorie<\/em> befindet sich die Sonne immer deutlich \u00fcber dem Horizont, also auch am Abend. Bei der Annahme eines begrenzten Lichtkegels w\u00fcrde sie daher am Abend nicht untergehen, sondern einfach etwa zwei Handbreit \u00fcber dem Horizont verl\u00f6schen.<\/p>\n<div id=\"EBesch\">Interessanter als die Scheinwerfer-Annahme ist daher die Annahme, welche in der <em>Flach-Erde-Theorie<\/em> als <a href=\"https:\/\/wiki.tfes.org\/Electromagnetic_Acceleration\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">elektromagnetische Beschleunigung<\/a> bezeichnet wird. Nach diesem Modell werden Lichtstrahlen von der Erde weg nach oben gebogen, sodass das Sonnenlicht Orte, die zu weit weg vom aktuellen Standort der Sonne liegen, gar nicht mehr erreicht \u2013 wie Singapur in dem Moment, wo die Sonne \u00fcber Quito steht. Bewegt man sich dem \u00c4quator entlang von Quito ostw\u00e4rts nach Singapur, dann kommt man nach halber Strecke bei Kisangani in der Demokratischen Republik Kongo vorbei. Dort kann man die Sonne gerade noch sehen, wie sie hinter dem Horizont zu verschwinden scheint.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-4689 size-full\" src=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-content\/uploads\/Elektromagnetische_Beugung.jpg\" alt=\"\" width=\"603\" height=\"215\" srcset=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-content\/uploads\/Elektromagnetische_Beugung.jpg 603w, https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-content\/uploads\/Elektromagnetische_Beugung-300x107.jpg 300w, https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-content\/uploads\/Elektromagnetische_Beugung-500x178.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 603px) 100vw, 603px\" \/><\/p>\n<p>Abbildung: Die Biegung des Sonnenlichts von der Erde weg entsprechend dem Modell der <em>elektromagnetischen Beschleunigung<\/em><a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><em><strong>[1]<\/strong><\/em><\/a><\/p>\n<p>Im Prinzip vertauscht man mit dieser Annahme gegen\u00fcber der <em>Rund-Erde-Theorie<\/em> die Charakteristika der Erdoberfl\u00e4che und der Lichtstrahlen. Die <em>Rund-Erde-Theorie<\/em> geht davon aus, dass Lichtstrahlen gerade verlaufen. Als Folge davon muss man annehmen, dass die Erdoberfl\u00e4che gebogen ist, um alle bekannten Ph\u00e4nomene erkl\u00e4ren zu k\u00f6nnen. In der <em>Flach-Erde-Theorie<\/em> steht am Anfang die Annahme, dass die Erdoberfl\u00e4che gerade ist und man muss dann in Form der \u201eelektromagnetischen Beschleunigung\u201c annehmen, dass die Lichtstrahlen gekr\u00fcmmt sind.<\/p>\n<p>So lassen sich manche bekannte Ph\u00e4nomene durch eine <em>Flach-Erde-Theorie<\/em> erkl\u00e4ren.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Bspw. erkl\u00e4rt sich so auch, warum die Leute in Kisangani in Abbildung oben die Sonne nicht von der Seite, sondern genauso von unten sehen, wie die Leute in Quito. Ebenso ergeben sich so die mit Winter und Sommer verbundenen Ph\u00e4nomene, wie bspw. die Polarnacht.<\/div>\n<p>Allerdings sind damit noch bei weitem nicht alle Anpassungen der Theorien der Physik behandelt, die notwendig werden, wenn man die <em>Flach-Erde-Theorie<\/em> ernst nimmt.<\/p>\n<\/div>\n<p>Was ich mit den \u00dcberlegungen zur <em>Flach-Erde-Theorie<\/em> illustrieren m\u00f6chte, ist Folgendes: Im Allgemeinen gibt es f\u00fcr ein bekanntes, kaum bestrittenes Ph\u00e4nomen (wie bspw. die Auf- und Unterg\u00e4nge der Sonne) nicht nur eine, sondern viele m\u00f6gliche theoretische Erkl\u00e4rungen. Nat\u00fcrlich m\u00fcsste man noch viel Arbeit investieren, um die <em>Flach-Erde-Theorie<\/em> und die dazu geh\u00f6rende Physik so auszuarbeiten, dass sie \u00e4hnlich n\u00fctzlich w\u00e4re, wie die viel besser ausgearbeitete <em>Rund-Erde-Theorie<\/em>. Aber grunds\u00e4tzlich ist das nicht unm\u00f6glich. Die Grenzen alternativer theoretischer Erkl\u00e4rungen setzt nicht die \u201eRealit\u00e4t\u201c, sondern nur unsere Fantasie.<\/p>\n<p>Machen wir es daher kurz: So etwas wie eine absolute Wahrheit gibt es nicht. Es ist nicht m\u00f6glich, mit absoluter Sicherheit zu sagen, dass die <em>Rund-Erde-Theorie<\/em> \u2013 und nur sie \u2013 wahr ist. Das war \u00fcbrigens damals auch die Haltung der kirchlichen Experten gegen\u00fcber Galileo. Sie st\u00f6rten sich nicht daran, dass er ein Modell vertrat, bei dem sich die Erde um die Sonne dreht. Den Nutzen eines solchen Modells \u2013 die Vereinfachung der notwendigen Mathematik zu Berechnung der Bahnen der Planeten \u2013 konnten auch sie sehen. Sie st\u00f6rten sich nur daran, dass Galileo stur behauptete, sein Modell sei die alleinige Wahrheit und diejenigen, die das nicht sehen, w\u00fcrden \u201ees kaum verdienen, Menschen genannt zu werden\u201c.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>\u00c4hnlich geht es mir mit meiner Bekannten aus Fallbeispiel <a href=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/#Fall2\">Wiedergeboren<\/a>. Wenn sie sagt \u201eIch bin wiedergeboren\u201c, dann ist meine erste Reaktion auch \u201eWenn du meinst\u201c. Es k\u00f6nnte ja sein, dass das stimmt. Ich habe zwar nie etwas erlebt, das mir das Gef\u00fchl geben w\u00fcrde, ich h\u00e4tte fr\u00fcher schon einmal gelebt. Aber die Vorstellung hat eine gewisse Anziehungskraft. Nur wenn es dann heisst \u201eIch weiss das\u201c, dann geht es mir wie den Zeitgenossen von Galileo: Ich f\u00fchle mich und allf\u00e4llige Bedenken, die ich haben k\u00f6nnte, nicht besonders ernst genommen.<a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><\/a><\/p>\n<p>Weiter lesen &gt;&gt; <a href=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/denkwerzeuge\/kooperation\/\">Kooperation<\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Auf <a href=\"https:\/\/wiki.tfes.org\/Electromagnetic_Acceleration\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/wiki.tfes.org\/Electromagnetic_Acceleration<\/a> gibt es eine \u00e4hnliche Graphik im Abschnitt <a href=\"https:\/\/wiki.tfes.org\/Electromagnetic_Acceleration#Clouds_Lit_From_Underside\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Clouds Lit From Underside.<\/a> Allerdings kommt es in Wirklichkeit nie vor, dass, wie dort dargestellt, die Sonne senkrecht \u00fcber Brasilien steht und dabei gleichzeitig in Texas (TX) untergeht.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Allerdings nicht ganz so einfach, wie hier skizziert, denn am 21. M\u00e4rz geht die Sonne in Kisangani (und in jedem Ort auf den \u00c4quator) genau im Osten unter. Beim <em>Flach-Erde-Modell<\/em> hat sie aber in dieser Zeit schon einen Viertelkreis um den Nordpol zur\u00fcckgelegt und steht nicht mehr in gerader Linie im Osten. Um das zu kompensieren, m\u00fcsste eine weitere Kr\u00fcmmung eingef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Koestler, A. (1959). Die Nachtwandler. Das Bild des Universums im Wandel der Zeit. Bern: Scherz.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn wir uns \u00fcberlegen, ob wir etwas glauben sollen, stellen wir uns typischerweise die Frage: \u201eJa ist es denn wahr?\u201c. (Ist es wahr, dass mit Masern im Bett zu liegen eine wichtige Erfahrung ist? 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