{"id":3644,"date":"2016-07-20T10:44:46","date_gmt":"2016-07-20T09:44:46","guid":{"rendered":"http:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/?page_id=3644"},"modified":"2017-03-20T10:03:06","modified_gmt":"2017-03-20T09:03:06","slug":"wirkungskaskade","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/lehrerbildung\/wirkungskaskade\/","title":{"rendered":"Die Wirkungskaskade"},"content":{"rendered":"<h2>1 Das Problem<\/h2>\n<p><a href=\"http:\/\/www.hrkll.ch\/Lehrerbildung\/Skripte\/Wirkungskaskade.pdf\" target=\"_blank\">pdf<\/a> Als Dozent in einer Lehrerbildungsveranstaltung mache<\/p>\n<ol>\n<li>ich mit den Teilnehmenden etwas in der Hoffnung, dass<\/li>\n<li>sie mit ihren Lernenden etwas machen, das dazu f\u00fchrt, dass<\/li>\n<li>die Lernenden in einer zuk\u00fcnftigen Situation ihres Lebens etwas anders und damit besser machen,<\/li>\n<\/ol>\n<p>als wenn die ganze Lehrerbildungsveranstaltung gar nicht stattgefunden h\u00e4tte. Diese Hoffnung ist nur schwer zu begr\u00fcnden. Und noch l\u00e4nger und damit indirekter wird die ganze Kaskade, wenn ich als Forschender die Dozenten anrege, sie sollten doch \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-content\/uploads\/Kaskade_Berufsbildung_gross.jpg\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-3645 size-full\" style=\"border: 0px none;\" src=\"http:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-content\/uploads\/Kaskade_Berufsbildung.jpg\" alt=\"Kaskade_Berufsbildung\" width=\"410\" height=\"298\" srcset=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-content\/uploads\/Kaskade_Berufsbildung.jpg 410w, https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-content\/uploads\/Kaskade_Berufsbildung-300x218.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 410px) 100vw, 410px\" \/><\/a><em>L\u00e4sst sich durch Anklicken vergr\u00f6ssern<\/em><!--nextpage--><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-content\/uploads\/Kaskade_Berufsbildung_gross.jpg\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-3645 size-full\" style=\"border: 0px none;\" src=\"http:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-content\/uploads\/Kaskade_Berufsbildung.jpg\" alt=\"Kaskade_Berufsbildung\" width=\"410\" height=\"298\" srcset=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-content\/uploads\/Kaskade_Berufsbildung.jpg 410w, https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-content\/uploads\/Kaskade_Berufsbildung-300x218.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 410px) 100vw, 410px\" \/><\/a><\/p>\n<h1><a id=\"inhalte_schulung\"><\/a>2 Inhalte f\u00fcr den Schulungskontext<\/h1>\n<p>Eine Schwierigkeit besteht dabei darin, dass alle der Akteure und Akteurinnen in zwei verschiedenen Kontexten zuhause sind. <em>Lehrpersonen<\/em> und <em>Lernende<\/em> treffen sich in der <em>Schule<\/em>. Die Lernenden verbringen aber im Rahmen einer dualen Berufsbildung den gr\u00f6ssten Teil ihrer Zeit im <em>Beruflichen Alltag <\/em>und grunds\u00e4tzlich sollte das, was in der <em>Schule<\/em> geschieht f\u00fcr den <em>Beruflichen Alltag<\/em> n\u00fctzlich sein. Dasselbe gilt f\u00fcr <em>Lehrpersonen<\/em>, welche an einer Weiterbildung teilnehmen oder <em>Dozentinnen und Dozenten<\/em>, welche sich von <em>Forschern<\/em> beraten lassen.<\/p>\n<p>Dieses Hin und Her zwischen zwei Kontexten wird seit einiger Zeit unter dem Begriff des <em>boundary crossings<\/em> analysiert, gerade auch f\u00fcr die Berufsbildung (bspw. Akkerman &amp; Bakker, 2011; Engestr\u00f6m et al. 1995; Tuomi-Grohn &amp; Engestr\u00f6m, 2003). Die <em>Lernenden<\/em>, die <em>Lehrpersonen<\/em> bzw. die <em>Dozenten<\/em> sind es auf der jeweiligen Ebene, welche die Grenzen zwischen zwei Kontexten \u00fcberschreiten. Im einen Kontext lernen sie etwas dazu, im anderen machen sie (vielleicht) Gebrauch davon.<\/p>\n<p>Am einfachsten kann man es sich als <em>Lehrperson<\/em> machen, indem man es den <em>Lernenden<\/em> \u00fcberl\u00e4sst, \u00fcber die Grenze zu retten was zu retten ist, nach dem Motto: \u201eIch erz\u00e4hle euch etwas interessantes. Macht das Beste daraus!\u201c Auf der obersten Stufe kann etwas in dieser Art durchaus vorkommen, wenn <em>Forscher<\/em> an einer Veranstaltung von neuen, interessanten Forschungsresultaten berichten und es dann den zuh\u00f6renden <em>Dozenten<\/em> \u00fcberlassen, daraus ihre Schl\u00fcsse zu ziehen (\u201earbitrary content choice by personal interest of facilitators\u201c nennen das Prediger et al. (2015)).<\/p>\n<p>Auf den unteren Stufen machen es sich hingegen die meisten nicht so einfach. Mit Hilfe verschiedener Instrumente wird traditionell zumindest versucht sicherzustellen, dass die behandelten Inhalte auch jenseits der Grenze relevant sind. Mit Hilfe der <em>Didaktischen Analyse <\/em>(Klafki 1985) machen sich <em>Lehrpersonen<\/em> Gedanken \u00fcber die <em>Gegenwartsbedeutung<\/em> und <em>Zukunftsbedeutung<\/em> einzelner Themen f\u00fcr die <em>Lernenden<\/em>. In der <em>Curriculumsentwicklung<\/em> versuchen Bildungsplaner bspw. f\u00fcr einen bestimmten Beruf zu eruieren und festzulegen, welche Inhalte zu Erlernung dieses Berufes relevant sind (etwa Kaiser 2005). In neuerer Zeit, seit der Wende von der Input-Steuerung \u00fcber Inhalte zur Output-Steuerung \u00fcber Kompetenzen, versucht man neben den Inhalten auch zu eruieren, welches Verhalten die <em>Lernenden<\/em> zeigen m\u00fcssten. Allerdings bleibt dabei meist offen, zu welchem Zeitpunkt: Ob noch bevor sie die Grenze \u00fcberschreiten oder dann gleich nach \u00dcberschreiten der Grenze oder nachdem sie schon einige Zeit jenseits der Grenze verbracht haben?<!--nextpage--><br \/>\n<a href=\"http:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-content\/uploads\/Kaskade_Berufsbildung_gross.jpg\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-3645 size-full\" style=\"border: 0px none;\" src=\"http:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-content\/uploads\/Kaskade_Berufsbildung.jpg\" alt=\"Kaskade_Berufsbildung\" width=\"410\" height=\"298\" srcset=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-content\/uploads\/Kaskade_Berufsbildung.jpg 410w, https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-content\/uploads\/Kaskade_Berufsbildung-300x218.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 410px) 100vw, 410px\" \/><\/a><\/p>\n<h1>3 Probleme im Gebrauchskontext<\/h1>\n<p>Das Gelingen von <em>Didaktischer Analysen<\/em> oder <em>Curriculumsentwicklungen<\/em> h\u00e4ngt stark davon ab, wie gut die <em>Lehrpersonen<\/em> (bzw. <em>Dozierende <\/em>oder<em> Forschende<\/em>) \u00fcber den <em>Gebrauchskontext<\/em> der <em>Lernenden<\/em> (<em>Lehrpersonen, Dozierende<\/em>) im Bild sind. Dass es f\u00fcr <em>Lehrpersonen <\/em>nicht einfach ist, die relevanten Details des <em>Gebrauchskontextes<\/em> der <em>Lernenden<\/em> im Fokus zu haben, zeigt bspw. ein neueres Projekt im Bereich Mathematikdidaktik (Prediger et al. 2015).<\/p>\n<p>Bei diesem Projekt leiteten die <em>Forschenden<\/em> aus der Literatur die Forderung ab, dass <em>Lehrpersonen <\/em>im Mathematikunterricht bei den <em>Lernenden <\/em>die F\u00e4higkeit zu argumentieren f\u00f6rdern sollten. Laut Literatur k\u00f6nnen die <em>Lehrpersonen<\/em> dies am besten dadurch erreichen, indem sie einzelne <em>Lernende<\/em> in solche Diskussionen verwickeln. An diesem Punkt w\u00e4re es naheliegend gewesen, eine Weiterbildungseinheit zu entwerfen, wo <em>Lehrpersonen <\/em>\u00fcben k\u00f6nnen, entsprechende Dialoge mit <em>Lernenden<\/em> zu f\u00fchren. Die <em>Forscher <\/em>in der Rolle als<em> Dozierenden<\/em> beschlossen aber, sich zuerst mit <em>Lehrpersonen<\/em> zusammenzusetzen und gemeinsam zu erarbeiten, wie solche Diskussionen in den Unterricht eingebaut werden k\u00f6nnen. Dabei zeigte sich, dass die <em>Lehrpersonen<\/em> grosse Bedenken haben, sich auf die Idee einzulassen \u2013 nicht weil ihnen die Bedeutung solcher Dialoge nicht einleuchten, sondern weil es ihrer Vorstellung von guter Klassenf\u00fchrung widerspricht, sich f\u00fcr eine gewisse Zeit nur einzelnen <em>Lernenden <\/em>zuzuwenden und den Rest der Klasse auszublenden.<\/p>\n<p>Wie das Beispiel illustriert, sind meist nach dem Grenz\u00fcbertritt vom <em>Schulungskontext<\/em> zum <em>Gebrauchskontext<\/em> verschiedenste Probleme zu l\u00f6sen, will man das Gelernte wirklich gebrauchen. Pointiert formuliert geht es dabei um \u201e\u2026 die L\u00fccke zwischen Regel und Situation, die immer durch ein besonderes praktisches Verm\u00f6gen \u00fcberbr\u00fcckt werden muss, das seit je das Interesse der Philosophen herausfordert (phronesis nennt Aristoteles, Urteilskraft nennt Kant diese Black Box im Niemandsland zwischen Praxis und Theorie).\u201c (Neuweg 2011, S. 127; im <a href=\"http:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/iml2\/\">IML2<\/a> steht das Situative System f\u00fcr dieses praktische Verm\u00f6gen).<\/p>\n<p>Auch hier kann man es sich wieder einfach machen, und es den <em>Lernenden <\/em>\u00fcberlassen, das Problem selbst zu l\u00f6sen. Man hat ihnen ja nach bestem Wissen und Gewissen relevante Inhalte vermittelt und das Vermittelte sollten sie nun auch gebrauchen k\u00f6nnen. Es gibt aber auch Versuche, <em>Lehrpersonen (bzw. Dozierende <\/em>oder<em> Forschende<\/em>) \u00fcber den <em>Gebrauchskontext<\/em> so ins Bild zu setzen, dass sie die <em>Lernenden<\/em> auch in diesem Zusammenhang unterst\u00fctzen k\u00f6nnen. Das oben beschriebene Projekt ist ein Beispiel daf\u00fcr und Prediger et al. (2015) schlagen ein f\u00fcnfschrittiges Vorgehen zu Entwicklung von Weiterbildungseinheiten vor, dessen Schritt 3 die empirische Exploration der Sicht zuk\u00fcnftiger Weiterbildungsteilnehmender ist. Andere haben vorgeschlagen, dass sich die <em>Lehrpersonen<\/em> zumindest vor\u00fcbergehend in den <em>Gebrauchskontext <\/em>ihrer <em>Lernenden <\/em>begeben (evtl. zusammen mit diesen) und so entsprechende Erfahrungen sammeln (bspw. Bakker &amp; Akkerman 2014). Und zumindest in der Schweiz ist es \u00fcblich, dass <em>Lehrpersonen<\/em> in der Berufsbildung erfahrene Berufsleute sind, welche den <em>Gebrauchskontext<\/em> sehr gut kennen.<\/p>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<h1><a href=\"http:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-content\/uploads\/Kaskade_Berufsbildung_gross.jpg\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-3645 size-full\" style=\"border: 0px none;\" src=\"http:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-content\/uploads\/Kaskade_Berufsbildung.jpg\" alt=\"Kaskade_Berufsbildung\" width=\"410\" height=\"298\" srcset=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-content\/uploads\/Kaskade_Berufsbildung.jpg 410w, https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-content\/uploads\/Kaskade_Berufsbildung-300x218.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 410px) 100vw, 410px\" \/><\/a>4 Probleme im Gebrauchskontext sind individuell<\/h1>\n<p>Bei allen Ans\u00e4tzen, bei der sich die <em>Lehrpersonen<\/em> selbst ein Bild vom <em>Gebrauchskontext<\/em> verschaffen, ist das gewonnene Bild allerdings ein Bild aus Sicht eben dieser <em>Lehrpersonen<\/em> und erfasst nicht zwingend automatisch die Probleme, mit denen die <em>Lernenden <\/em>im <em>Gebrauchskontext<\/em> konfrontiert sind. Es lassen sich verschiedene Ph\u00e4nomene beobachten:<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Die <em>Lehrpersonen<\/em> sehen nicht oder erinnern sich nicht, welche Probleme sich im <em>Gebrauchskontext<\/em> stellen: <\/strong>Der Hauptgrund daf\u00fcr ist, dass das im <em>Gebrauchskontext <\/em>wichtige \u201ebesondere praktische Verm\u00f6gen\u201c (Neuweg 2011, s.o.) oft aus implizitem Wissen besteht. Kommt die <em>Lehrperson<\/em> als Beobachter in den <em>Gebrauchskontext<\/em>, ist dieses implizite Wissen nicht einfach zu erkennen oder zu erfragen. Und ist die <em>Lehrperson<\/em> selbst im <em>Gebrauchskontext<\/em> zur Expertin geworden, dann sind auch bei ihr die dort gemachten Lernerfahrungen zum impliziten Wissen geronnen und ihr selbst nicht mehr so einfach zug\u00e4nglich.<\/li>\n<\/ul>\n<p><em>Ein Beispiel:<\/em> Zumindest eine der Autorinnen der oben erw\u00e4hnten Studie von (Prediger, et al., 2015) hat Erfahrungen als Mathematiklehrerin. Sie kennt also den <em>Gebrauchskontext<\/em> der <em>Lehrpersonen<\/em>. Im Artikel erh\u00e4lt man aber den Eindruck, dass es ihr nicht bewusst war, dass <em>Lehrpersonen<\/em> (also wohl sie selbst auch) in einem solchen Moment Bedenken haben, den Rest der Klasse aus den Augen zu verlieren.<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Die Lehrpersonen reagieren \u201eschulisch\u201c auf beobachtete Probleme:<\/strong> Auch wenn die <em>Lehrperson<\/em> die typischen Probleme ihrer <em>Lernenden<\/em> kennt, ist damit die Frage noch nicht beantwortet, wie sie darauf eingehen soll. Es l\u00e4sst sich immer wieder beobachten, dass auch <em>Lehrpersonen<\/em>, welche den <em>Gebrauchskontext<\/em> sehr gut kennen im <em>Schulungskontext<\/em> reflexartig in die Schubladen der Schulf\u00e4cher greifen, ohne wirklich eine reflektierte Verbindung zu ihren Erfahrungen aus dem <em>Gebrauchskontext<\/em> herzustellen.<\/li>\n<\/ul>\n<p><em>Ein Beispiel:<\/em> Ein Fachlehrer f\u00fcr Dachdecker m\u00f6chte das Thema Rechnen\/Mathematik in seinem Unterricht auf die Probleme beziehen, welche seine Lernenden auf der Baustelle real antreffen. Er \u00fcberlegt sich lange, bis er eine Situation findet, in der tats\u00e4chlich gerechnet wird: Um ein Flachdach abzudichten wird Dachpappe ben\u00f6tigt. Bevor man am Morgen zur Baustelle f\u00e4hrt, muss man kurz \u00fcberschlagen, wie viele Rollen Dachpappe man f\u00fcr heute mitnehmen will. Der Lehrer analysiert die Situation f\u00fcr sich, kommt zum Schluss, dass es um Fl\u00e4chenberechnungen geht und repetiert mit seinen Lernenden daher das Umrechnen von mm<sup>2<\/sup> bis km<sup>2<\/sup>.<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Die <em>Lernenden<\/em> sind mit anderen Problemen besch\u00e4ftigt:<\/strong> Will die <em>Lehrperson<\/em> die typischen Probleme ihrer <em>Lernenden<\/em> von sich aus angehen, ist die Gefahr gross, dass die <em>Lernenden<\/em> momentan gerade mit einem anderen Problem besch\u00e4ftigt sind, als das, welches die <em>Lehrperson<\/em> angehen m\u00f6chte. In solchen F\u00e4llen haben die <em>Lernenden<\/em> m\u00fche auf das Angebot der <em>Lehrperson<\/em> einzugehen, auch wenn sie zu einem anderen Zeitpunkt sehr froh um die entsprechende Hilfestellung w\u00e4ren.<\/li>\n<\/ul>\n<p><em>Ein Beispiel:<\/em> Eine schulinterne Weiterbildung in einer Schule f\u00fcr Dentalhygiene. Der Fokus der Weiterbildung w\u00e4ren didaktische Fragen zur Verbindung von Theorie und Praxis. Die beteiligten Lehrpersonen sind aber v\u00f6llig von den Schwierigkeiten absorbiert, die sich daraus ergeben, dass ausnahmsweise in dieser reinen Frauenwelt in einer Klasse ein einziger m\u00e4nnlicher Lernender sitzt. Erst nachdem dieses Problem gemeinsam in mehreren Sitzungen ausf\u00fchrlich besprochen wurde, wird der Weg frei, f\u00fcr die eigentliche Thematik der Weiterbildung.<\/p>\n<ul>\n<li><strong>Die Probleme der <em>Lernenden<\/em> sind \u00e4usserst individuell:<\/strong> Das \u201ebesondere praktische Verm\u00f6gen\u201c wie es (Neuweg, 2011) nennt, das die L\u00fccke zwischen Regel und Situation schliesst, ist nicht formalisierbar, denn sonst k\u00f6nnte man es ja in eine Regel fassen. Entsprechend k\u00f6nnen sich <em>Lehrpersonen<\/em> nur begrenzt auf die Schwierigkeiten vorbereiten, welche ihre <em>Lernenden <\/em>im <em>Gebrauchskontext <\/em>haben werden, und es werden immer wieder v\u00f6llig \u00fcberraschende, nie geahnte Probleme auftreten.<\/li>\n<\/ul>\n<p><em>Ein Beispiel<\/em>: Die Lehrperson stellt ein dreidimensionales Modell des Aufbaus eines Haares in die Mitte einer Gruppe Lernender, die in der Ausbildung zum Friseur sind. Sie fordert die Lernenden auf, auf einem Blatt Papier festzuhalten, was sie am Modell erkennen k\u00f6nnen. Ein Lernender scheint verwirrt und die Lehrperson fragt ihn, ob er verstanden habe, was sie von ihm erwartet. Der Lernende zeigt auf die beiden jungen Frauen, die neben ihm sitzen: \u201eIch soll die beiden beschreiben?\u201c. Die Lehrperson braucht einen Moment, bis sie begreift, dass der junge Mann daran gescheitert ist, dass f\u00fcr ihn ein \u201eModell\u201c eine Person ist, die sich von ihm zu Ausbildungszwecken die Haare schneiden l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Zusammengefasst l\u00e4sst sich also sagen:<\/p>\n<ul>\n<li><em>Schulungskontext<\/em> und <em>Gebrauchskontext<\/em> sind zwei verschiedene Kontexte und es ist nicht ganz einfach vorherzusehen, was f\u00fcr Schwierigkeiten die <em>Lernende <\/em>im <em>Gebrauchskontext<\/em> antreffen werden, so dass man bereits im <em>Schulungskontext<\/em> darauf eingehen k\u00f6nnte.<\/li>\n<li>Sorgf\u00e4ltige <em>Curriculumsentwicklung, Didaktische Analysen <\/em>und Besuche von <em>Lehrpersonen <\/em>im <em>Gebrauchskontext<\/em> sind sicher sinnvolle Massnahmen, um das Geschehen im <em>Schulungskontext<\/em> auf den <em>Gebrauchskontext<\/em> auszurichten.<\/li>\n<li>In letzter Konsequenz erfasst man damit aber nicht mit Sicherheit die Schwierigkeiten, mit denen die gerade jetzt im <em>Schulungskontext<\/em> anwesenden <em>Lernenden<\/em> gerade jetzt oder n\u00e4chste Woche oder dann, wenn sie das Gelernte gebrauchen m\u00f6chten, zu k\u00e4mpfen haben.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Frage stellt sich daher, wie sich <em>Lehrpersonen<\/em> \u00fcber diese aktuellen Schwierigkeiten ihrer <em>Lernenden<\/em> informieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<h1><a href=\"http:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-content\/uploads\/Kaskade_Berufsbildung_gross.jpg\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-3645 size-full\" style=\"border: 0px none;\" src=\"http:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-content\/uploads\/Kaskade_Berufsbildung.jpg\" alt=\"Kaskade_Berufsbildung\" width=\"410\" height=\"298\" srcset=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-content\/uploads\/Kaskade_Berufsbildung.jpg 410w, https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-content\/uploads\/Kaskade_Berufsbildung-300x218.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 410px) 100vw, 410px\" \/><\/a><\/h1>\n<h1>5 <em>Lehrpersonen<\/em> befragen <em>Lernende<\/em> zum <em>Gebrauchskontext<\/em><\/h1>\n<p>Wie k\u00f6nnen sich <em>Lehrpersonen<\/em> \u00fcber die aktuellen Schwierigkeiten ihrer <em>Lernenden<\/em> im Gebrauchskontext informieren? Die Antworten darauf ist allgemein gefasst recht einfach: Indem die <em>Lehrpersonen<\/em> die <em>Lernenden<\/em> danach fragen!<\/p>\n<p>Hier ein paar Anregungen dazu, wie das auf den verschiedenen Ebenen aussehen k\u00f6nnte.<\/p>\n<h2>5.1 Die Lernenden m\u00fcssen den Gebrauchskontext kennen<\/h2>\n<p>Egal auf welcher Ebene: Man kann die <em>Lernenden<\/em> (bzw. <em>Lehrpersonen<\/em>, bzw. <em>Dozierenden<\/em>) nicht nach ihren Erfahrungen im <em>Gebrauchskontext<\/em> fragen, wenn sie noch keine solchen gemacht haben. Will man die <em>Lernenden<\/em> also wirklich auf den <em>Gebrauchskontext<\/em> vorbereiten, macht <em>Schule<\/em> nur Sinn, wenn die <em>Lernenden<\/em> die Situationen, zu deren Bew\u00e4ltigung man im <em>Schulungskontext<\/em> etwas beitragen will, schon erlebt haben (Schritt 1 der <a href=\"http:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/?page_id=2414\">Acht Schritte<\/a>).<\/p>\n<p>Ist dies nicht der Fall, d.h. versucht man <em>Lernende<\/em> auf etwas vorzubereiten, das sie noch gar nicht kennen, riskiert man nicht nur, dass man mit ihnen nicht bearbeitet, was sie wirklich brauchen. Man riskiert dar\u00fcber hinaus auch, dass sie, wenn sie einmal im <em>Gebrauchskontext<\/em> sind, sich gar nicht mehr daran erinnern, was im <em>Schulungskontext<\/em> geschah. Und wenn sie sich doch daran erinnern sollten, riskiert man, dass sie das Gelernte schnell als unbrauchbar zur Seite legen, weil sie an den im <em>Gebrauchskontext<\/em> unweigerlich auftretenden Schwierigkeiten scheitern.<\/p>\n<p>Ist hingegen die Voraussetzung gegeben, bringen die <em>Lernenden<\/em> also relevante Erfahrungen mit, ist die Verzahnung mit dem <em>Gebrauchskontext <\/em>relativ einfach: Man umreist als <em>Lehrperson<\/em> im <em>Schulungskontext<\/em> an geeigneter Stelle auf welchen Ausschnitt des\u00a0 <em>Gebrauchskontexts<\/em> der aktuelle Unterricht ausgerichtet ist und l\u00e4sst dann die <em>Lernenden<\/em> ihre Erfahrungen dazu schildern.<\/p>\n<h2>5.2 Schule<\/h2>\n<h3>Szenario 1: Handlungsleitendes Wissen vermitteln<\/h3>\n<p>(vgl. <em>Planung<\/em> unter <a href=\"http:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/?page_id=492\">Funktionen des deklarativen Wissens<\/a>)<\/p>\n<p>M\u00f6chte man den <em>Lernenden<\/em> eine Anleitung vermitteln, wie in einer bestimmten Situation vorzugehen ist und kann man dieses Vorgehen modellhaft vormachen, dann eignen sich die <a href=\"http:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/?page_id=2414\">Acht Schritte<\/a> als Unterrichtsszenario. Die Verbindung zum <em>Gebrauchskontext<\/em> geschieht dort zuerst in den Schritten 2 bis 4 und dann wieder in den Schritten 7 und 8. Prototypisch f\u00fcr Wissen, das sich auf diese Art vermitteln l\u00e4sst, sind Berechnungsvorg\u00e4nge wie bspw. das Umrechnen eines Kochrezeptes von 4 auf 15 Personen.<\/p>\n<h3>Szenario 2: Reflexionsleitendes Wissen vermitteln<\/h3>\n<p>(vgl. <em>Reflexion <\/em>unter <a href=\"http:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/?page_id=492\">Funktionen des deklarativen Wissens<\/a>)<\/p>\n<p>Eignet sich das Wissen, welches vermitteln m\u00f6chte, nicht wirklich zur Planung von Handlungen, daf\u00fcr aber umso mehr zur Reflexion von Erfahrungen, dann kann man als Szenario den <a href=\"http:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/?page_id=394\">Lernstopp<\/a> aus dem <a href=\"http:\/\/hrkll.ch\/index.php?page_id=38\">Schienenmodell<\/a> nutzen (Kaiser 2002). Prototypisch w\u00e4re hier die Behandlung des Vier-Ohren-Modells von Schulz von Thun. Das Vier-Ohren-Modell eignet sich nicht, um ein Gespr\u00e4ch zu planen. Es kann aber sehr gut genutzt werden, um ein Gespr\u00e4ch auszuwerten.<\/p>\n<h3>Szenario 3: Kleiner Wissensvorsprung der Lehrperson<\/h3>\n<p>Aufgrund der schnellen technologischen Entwicklung geschieht es gerade in der Berufsbildung immer h\u00e4ufiger, dass die <em>Lehrperson<\/em> gegen\u00fcber den <em>Lernenden<\/em> praktisch keinen Wissensvorsprung mehr hat \u2013 oder sogar hinterherhinkt! M\u00f6glich sind dann nur noch gemeinsame Entwicklungen, bei denen <em>Lehrpersonen<\/em> und <em>Lernende<\/em> ihr Wissen kombinieren. Ich arbeite an einem passenden Szenario.<\/p>\n<h2><em>5.3 <\/em>Lehrerweiterbildung<\/h2>\n<p>Grunds\u00e4tzlich lassen sich hier dieselben Unterscheidungen treffen wie f\u00fcr die <em>Schule.<\/em> Und entsprechend sind dieselben drei didaktischen Szenarien relevant. Alle Szenarien treten hier in doppelter Funktion auf: 1) Als Kursformate mit den <em>Lehrpersonen <\/em>in der Rolle der <em>Lernenden<\/em> und 2) als Kursinhalte, welche die <em>Lehrpersonen<\/em> in ihrem <em>Gebrauchskontext \u2013<\/em> der <em>Schule<\/em> \u2013 umsetzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Da die meisten p\u00e4dagogischen und didaktischen Theorien und Modelle eher <em>reflexionsleitender<\/em> denn <em>handlungsleitender<\/em> Natur sind, d\u00fcrfte der <a href=\"http:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/?page_id=394\">Lernstopp<\/a> h\u00e4ufiger als die <a href=\"http:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/?page_id=2414\">Acht Schritte<\/a> das Szenario der Wahl sein. Die <a href=\"http:\/\/hrkll.ch\/index.php?page_id=38\">Schiene<\/a> wurde auch explizit als Format der Lehrerweiterbildung entwickelt (Kaiser 2002).<\/p>\n<h2>5.4 Dozentenberatung<\/h2>\n<p>Auch hier sind dieselben Unterscheidungen wie auf der Ebene <em>Schule<\/em> anwendbar, ausser dass die Szenarien hier nun sogar in dreifacher Funktion vorkommen k\u00f6nnen, n\u00e4mlich zus\u00e4tzlich noch 3) als Kursinhalte, welche die <em>Dozierenden<\/em> den <em>Lehrpersonen<\/em> vermitteln k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Da die Pyramide von den <em>Lernenden<\/em> \u00fcber die <em>Lehrpersonen<\/em> zu den <em>Dozierenden<\/em> nach oben immer schlanker wird, gibt es auf dieser Ebene selten eigentliche Kurse, an denen mehrere <em>Dozierende<\/em> teilnehmen. Dies stellt aber kein Problem dar, denn sowohl die <a href=\"http:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/?page_id=2414\">Acht Schritte<\/a> wie auch der <a href=\"http:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/?page_id=394\">Lernstopp<\/a> eignen sich auch f\u00fcr ein 1:1 Setting (f\u00fcr die <a href=\"http:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/?page_id=2414\">Acht Schritte<\/a> siehe <a href=\"http:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/vom-kopf-auf-die-fuesse\/einbettung\/stuetzkurse\/\">St\u00fctzkurse<\/a>).<\/p>\n<p>Auf dieser Ebene d\u00fcrfte es oft vorkommen, dass die <em>Forschenden<\/em> gegen\u00fcber den <em>Dozierenden<\/em> nur einen kleinen, oft punktuellen Wissensvorsprung haben. Entsprechend kommt hier das dritte Szenario am h\u00e4ufigsten zum Einsatz.<\/p>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<h1><a href=\"http:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-content\/uploads\/Kaskade_Berufsbildung_gross.jpg\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-3645 size-full\" style=\"border: 0px none;\" src=\"http:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-content\/uploads\/Kaskade_Berufsbildung.jpg\" alt=\"Kaskade_Berufsbildung\" width=\"410\" height=\"298\" srcset=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-content\/uploads\/Kaskade_Berufsbildung.jpg 410w, https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-content\/uploads\/Kaskade_Berufsbildung-300x218.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 410px) 100vw, 410px\" \/><\/a>6 Curriculumsentwicklung<\/h1>\n<p>Bei der klassischen <em>Curriculumsentwicklung<\/em> werden sowohl die zu behandelnde Inhalte wie auch die Reihenfolge, in der sie behandelt werden sollen, vor der Durchf\u00fchrung der Lernveranstaltung festgelegt. L\u00e4sst man sich aber als <em>Lehrperson<\/em> wirklich auf die Erlebnisse der <em>Lernenden<\/em> im <em>Gebrauchskontext<\/em> ein, ist dies kaum noch m\u00f6glich.<\/p>\n<h2>6.1 Unerwartete Reihenfolge, unerwartete Themen<\/h2>\n<p>Bei der <em>Curriculumsentwicklung<\/em> am Schreibtisch besteht eine Tendenz, vom Einfachen zum Komplexen und vom Grundlegenden zum Speziellen zu gehen. Vor allem <em>Lehrer <\/em>und<em> Lehrerinnen <\/em>sind aber in ihrem <em>Gebrauchskontext<\/em> t\u00e4glich mit komplexen und ganz speziellen Situationen konfrontiert. Frag man sie daher in einer Weiterbildung, was sie im Moment besch\u00e4ftigt, dann suchen sie typischerweise Hilfe f\u00fcr diese speziellen Situationen und versp\u00fcren wenig Lust, Grundlagenfragen zu er\u00f6rtern.<\/p>\n<p>Welche Fragen die <em>Lernenden<\/em> wann besch\u00e4ftigen werden, l\u00e4sst sich daher schwer vorhersagen, d.h. eine Abfolge der Themen ist kaum planbar. Aber auch damit, welche Themen \u00fcberhaupt angesprochen werden, kann man \u00dcberraschungen erleben. Denn stimmt die Voraussetzung dieser \u00dcberlegungen hier, dass n\u00e4mlich <em>Lehrpersonen<\/em> den <em>Gebrauchskontext<\/em> ihrer <em>Lernenden<\/em> notwendigerweise nur begrenzt kennen, dann werden die <em>Lernenden<\/em> fr\u00fcher oder sp\u00e4ter Themen und Fragen aufbringen, an welche die <em>Lehrperson<\/em> von sich aus nicht gedacht h\u00e4tte.<\/p>\n<h2>6.2 Improvisieren statt ab Blatt spielen<\/h2>\n<p>Die Gestaltung des <em>Schulungskontextes<\/em> verschiebt sich daher notwendigerweise von einer sauberen Planung hin zu einer offenen Improvisation. Arn (2016) spricht als Hochschuldidaktiker in diesem Zusammenhang von einer\u00a0<em>agilen Didaktik\u00a0<\/em>im Vergleich zu einer\u00a0<em>Plandidaktik<\/em>.<\/p>\n<p>Yinger (1990) hat daf\u00fcr eine hilfreiche Metapher gefunden, die auch Arn anspricht (Arn 2016, S. 56): Die Arbeit mit klassischen, vorstrukturierten Curricula gleicht der Auff\u00fchrung eins klassischen Musikst\u00fccks ab Partitur; die Improvisation auf Grund der Bed\u00fcrfnisse der <em>Lernenden<\/em> einer improvisierenden Jamsession von Jazzmusikern. Er stellt zwei Abl\u00e4ufe gegen\u00fcber:<\/p>\n<ul>\n<li>Planen, Implementieren, Auswerten<br \/>\n(Planning, Implementation, Reflection)<\/li>\n<li>Improvisieren, Betrachten, Bereit-Werden<br \/>\n(Improvisation, Contemplation, Preparation)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Der erste, zyklische Ablauf ist vertraut: Der Unterricht wird geplant (<em>Curriculumsentwicklung, <\/em>Unterrichtsvorbereitung), dann wird er nach Plan durchgef\u00fchrt und schliesslich ausgewertet. Als Folge davon wird der Plan gegebenenfalls f\u00fcr die n\u00e4chste Durchf\u00fchrung angepasst. Etc.<\/p>\n<p>Der zweite, ebenfalls zyklische Ablauf beginnt mit einer improvisierenden, auf die Anliegen der <em>Lernenden<\/em> ausgerichteten Durchf\u00fchrung des Unterrichts (bspw. in Form eines <a href=\"http:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/?page_id=394\">Lernstopps<\/a>). Danach folgt eine Reflexion dar\u00fcber, was w\u00e4hrend des Unterrichts geschehen ist, welche Fragen und Themen die <em>Lernenden<\/em> angesprochen haben, inwiefern es m\u00f6glich war, auf diese Fragen befriedigende Antworten zu geben, welche Informationen man den <em>Lernenden<\/em> in Form einer Nachbereitung noch nachliefern k\u00f6nnte (vgl. das <a href=\"http:\/\/hrkll.ch\/index.php?page_id=38\">Schienenmodell,<\/a> Kaiser 2002) und wo man selbst das eine oder andere aufarbeiten sollte, um auf zuk\u00fcnftige, \u00e4hnliche Fragen gewappnet zu sein.<\/p>\n<p>Beide Abl\u00e4ufe sind zyklisch. Niemand plant Unterricht auf der gr\u00fcnen Wiese und niemand improvisiert Unterricht aus dem hohlen Bauch heraus. Der Unterschied liegt in der Interpunktion. Beim geplanten Unterricht haben die Aktivit\u00e4ten neben der eigentlichen Durchf\u00fchrung den Charakter einer <em>Vorbereitung<\/em>; beim improvisierenden Unterricht finden sie als <em>Nachbereitung<\/em> statt. Der wesentlich Unterschied besteht darin, dass beim Nachbereiten kein Plan entsteht, sondern Bausteine verschiedenster Art, die bei der n\u00e4chsten Improvisation flexibel eingesetzt werden k\u00f6nnen \u2013 <em>building blocks<\/em> bei Yinger (1990), <em>Bausteine<\/em> bei Arn (2016). Viele Texte dieser Website sind so entstanden.<\/p>\n<h2>6.3 Schwerpunktverschiebung<\/h2>\n<p>Nicht nur die <em>Lernenden<\/em> sondern auch die <em>Lehrperson<\/em> hat Anliegen, welche sie in den <em>Schulungskontext<\/em> einbringen m\u00f6chte (oder einbringen muss, weil irgendjemand anders Themen festgelegt hat, die behandelt werden m\u00fcssen). Diese k\u00f6nnen auf zwei Arten einfliessen:<\/p>\n<p><strong>Zuerst die N\u00f6te der <em>Lernenden<\/em>, dann die Anliegen der <em>Lehrperson<\/em>:<\/strong> Oft ist gar keine spezielle Massnahme\u00a0seitens der <em>Lehrperson<\/em> notwendig. Die <em>Lernenden<\/em> bringen h\u00e4ufig von sich aus alle vorgesehenen Themen zu Sprache \u2013 nur nicht in der Reihenfolge, in der die <em>Lehrperson<\/em> das geplant h\u00e4tte. Und ist dies nicht der Fall, kann die <em>Lehrperson<\/em> mit der Zeit, wenn die schlimmsten N\u00f6te der <em>Lernenden<\/em> behandelt sind, auf weitere Themen hinweisen, die <em>Lernenden <\/em>danach fragen, ob diese sie nicht auch besch\u00e4ftigen, ob sie dazu nicht auch schon Erfahrungen gemacht haben. Sofern diese Themen nicht v\u00f6llig an dem vorbeigehen, was im <em>Gebrauchskontext <\/em>der <em>Lernenden<\/em> geschieht, werden die <em>Lernenden<\/em> positiv darauf reagieren.<\/p>\n<p><strong>Umdeutung der N\u00f6te der <em>Lernenden<\/em> durch die <em>Lehrperson<\/em>:<\/strong> Die <em>Lernenden<\/em> kommen mit Vorannahmen in die Weiterbildung, bringen eine gewisse Weltsicht mit. Und oft ist es eine der wichtigsten Aufgaben einer Weiterbildung, diese Weltsicht zu ver\u00e4ndern, den <em>Lernenden<\/em> zu helfen, ihre Erfahrungen umzustrukturieren (<a href=\"http:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/iml2\/wissen-gebrauchen\/die-funktionen-des-deklarativen-systems-im-zusammenspiel-mit-dem-situativen-system\/\">Strukturierung<\/a>, Kaiser 2008). Fassen daher die <em>Lernenden<\/em> ihre Erfahrungen in ung\u00fcnstige Begriffe, kann die <em>Lehrperson<\/em> alternative Konzepte zur Beschreibung der Erfahrungen anbieten und so Themen einf\u00fchren, welche von den <em>Lernenden <\/em>vordergr\u00fcndig nicht direkt angesprochen werden.<\/p>\n<h2>6.4 Curriculumsentwicklung durch improvisierendes Unterrichten<\/h2>\n<p>F\u00fchrt man eine Weiterbildung zur selben Thematik mehrmals durch, wird man feststellen, dass viele der Themen sich wiederholen, da bspw. Lehrerinnen und Lehrer zu Beginn ihrer Berufskarriere alle von den gleichen N\u00f6ten geplagt werden. Und auch die Reihenfolge, in der die Themen zu Sprache kommen, wird nicht jedes Mal vollst\u00e4ndig anders sein. D.h. es entwickelt sich mit der Zeit von selbst eine Art <em>Curriculum<\/em> und es wird m\u00f6glich, <em>Lehrpersonen<\/em>, welche sich einen improvisierten Unterricht nicht richtig zutrauen, auf das vorzubereiten, was sie erwartet.<\/p>\n<p>Allerdings ist es auch dann noch wichtig, dass die <em>Lehrpersonen<\/em> f\u00fcr die wahren Anliegen der <em>Lernenden<\/em> offen bleiben, denn jede Erfahrung, welche die <em>Lernenden<\/em> aus dem <em>Gebrauchskontext<\/em> mitbringen, ist ein Einzelfall. Und manchmal entscheiden Nuancen, ob man diesem Einzelfall gerecht wird. Zudem kann sich der <em>Gebrauchskontext<\/em> der <em>Lernenden<\/em> unerwartet durch neue Entwicklungen so ver\u00e4ndern, dass auch ein aus Erfahrung gewonnenes <em>Curriculum<\/em> nicht mehr passt.<\/p>\n<p>Bei Curricula, welche aus improvisierendem Unterrichten entstehen, lassen sich zwei generelle Tendenzen beobachten:<\/p>\n<p><strong>Grundlagen an den Schluss:<\/strong> Typischerweise haben die <em>Lernenden<\/em> f\u00fcr Grundlegendes erst dann ein offenes Ohr, wenn ihren spezifischen Anliegen bearbeitet sind. Dann stossen Grundlagen allerdings als systematisierende Zusammenfassungen durchaus auf Interesse.<\/p>\n<p><strong>Disziplin, Stoff, Didaktik:<\/strong> Spezifisch bei Lehreinnen und Lehren l\u00e4sst sich oft folgende Abfolge von Bed\u00fcrfnissen beobachten:<\/p>\n<ul>\n<li><em>Classroom-Management:<\/em> Die gr\u00f6sste Sorge angehender Lehrerinnen und Lehrer ist es meist, die Kontrolle \u00fcber das Geschehen im Klassenzimmer zu verlieren.<\/li>\n<li><em>Stoffbeherrschung:<\/em> Haben sie ihr \u00dcberleben gesichert, sind sie als n\u00e4chstes damit besch\u00e4ftigt, selbst einmal die Inhalte richtig durchzudenken, welche sie ihren <em>Lernenden<\/em> beibringen sollten.<\/li>\n<li><em>Didaktik:<\/em> Und erst ganz am Schluss sind sie offen f\u00fcr didaktische Feinheiten.<\/li>\n<\/ul>\n<p><!--nextpage--><\/p>\n<h1><a id=\"literatur\"><\/a>Erw\u00e4hnte Literatur<\/h1>\n<ul>\n<li>Akkerman, S. F., &amp; Bakker, A. (2011). Boundary crossing and boundary objects. <em>Review of Educational Research<\/em>, <em>81<\/em>, 132-169.<\/li>\n<li>Arn, C. (2016). <em>Agile Hochschuldidaktik<\/em>. Weinheim und Basel: Beltz Juventa.<\/li>\n<li>Bakker, A., &amp; Akkerman, S. F. (2014). A boundary-crossing approach to support students\u2019 integration of statistical and work-related knowledge. <em>Educational Studies in Mathematics, 86(2)<\/em>, 223-237.<\/li>\n<li>Engestr\u00f6m, Y., Engestr\u00f6m, R., &amp; Karkkainen, M. (1995). Polycontextuality and boundary crossing in expert cognition: Learning and problem solving in complex work activities. <em>Learning and Instruction, 5<\/em>, 319-336.<\/li>\n<li>Kaiser, H. (2002). <em>Wirksame Weiterbildungen gestalten: Das Schienenmodell<\/em>. Aarau: Sauerl\u00e4nder.<\/li>\n<li>Kaiser, H. (2005). <em>Wirksame Ausbildungen entwerfen &#8211; Das Modell der Konkreten Kompetenzen<\/em>. Bern: h.e.p. verlag.<\/li>\n<li>Kaiser, H. (2008). <em>Berufliche Handlungssituationen machen Schule.<\/em> Winterthur: Edition Swissmem.<\/li>\n<li>Klafki, W. (1985). <em>Neue Studien zur Bildungstheorie und Didaktik. Zeitgem\u00e4sse Allgemeinbildung und kritisch-konstruktive Didaktik.<\/em> Weinheim und Basel: Beltz Verlag.<\/li>\n<li>Neuweg, G. H. (2011). Praxis\/Theorie. In M. Maaser &amp; G. Walther (Eds.), <em>Bildung. Ziele und Formen, Traditionen und Systeme, Medien und Akteure<\/em> (pp. 126\u2013129). Stuttgart: J. B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung und C. E. Poeschel Verlag GmbH.<\/li>\n<li>Prediger, S., Quasthoff, U., Vogler, A.-M., &amp; Heller, V. (2015). How to Elaborate What Teachers Should Learn? Five Steps for Content Specification of Professional Development Programs, Exemplified By &#8222;Moves Supporting Participation in Classroom Discussions&#8220;. <em>Journal f\u00fcr Mathematik-Didaktik, 36(2)<\/em>, 233-257. doi: 10.1007\/s13138-015-0075-z<\/li>\n<li>Tuomi-Grohn, T., &amp; Engestr\u00f6m, Y. (Eds.). (2003). <em>Between school and work: new perspectives on transfer and boundary crossing<\/em>. Oxford: Elsevier.<\/li>\n<li>Yinger, R. J. (1990). The Conversation of Practice. In R. T. Clift, W. R. Houston &amp; M. C. Pugach (Eds.), <em>Encouraging Reflective Practice in Education. An Analysis of Issues and Programs<\/em> (pp. 73-94). New York: Teachers College Press.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1 Das Problem pdf Als Dozent in einer Lehrerbildungsveranstaltung mache ich mit den Teilnehmenden etwas in der Hoffnung, dass sie mit ihren Lernenden etwas machen, das dazu f\u00fchrt, dass die Lernenden in einer zuk\u00fcnftigen Situation ihres Lebens etwas anders und &hellip; <a href=\"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/lehrerbildung\/wirkungskaskade\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"parent":3640,"menu_order":1,"comment_status":"open","ping_status":"closed","template":"sidebar-page.php","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-3644","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/3644","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3644"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/3644\/revisions"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/3640"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3644"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}