{"id":3123,"date":"2015-05-06T13:53:39","date_gmt":"2015-05-06T12:53:39","guid":{"rendered":"http:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/?page_id=3123"},"modified":"2015-05-06T13:56:02","modified_gmt":"2015-05-06T12:56:02","slug":"lernen-und-erfahrung-bei-dewey","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/iml2\/verwandte-modelle\/lernen-und-erfahrung-bei-dewey\/","title":{"rendered":"Lernen und Erfahrung bei Dewey"},"content":{"rendered":"<p><em>Quelle: Dewey, J. (1938). Experience And Education. New York, Macmillan.<\/em><\/p>\n<p>Ein zentraler Punkt bei Dewey ist die Rolle, die er dem Lernen aus Erfahrungen einr\u00e4umt, und damit seine Theorie des Erfahrungslernens: Dadurch, dass alle Lernenden in einer konkreten Welt leben und handeln, durchleben sie nach Deweys Darstellung eine nie abreissende Reihe von Situationen. Jede dieser Situationen besteht aus Interaktionen zwischen der lernenden Person und in der Situation anwesenden weiteren Personen bzw. Objekten. Eine Erfahrung ist das Erleben einer solchen Interaktion in einer bestimmten Situation.<\/p>\n<p>Jede Erfahrung, jede erlebte Situation ver\u00e4ndert die Person. Und durch diese Ver\u00e4nderung werden wieder zuk\u00fcnftige Interaktionen\/Situationen beeinflusst (Prinzip der Kontinuit\u00e4t). So gesehen entstehen Erfahrungen immer in einer Interaktion zwischen eigenem K\u00f6nnen\/Wissen\/Wollen und den Umst\u00e4nden in der Umgebung (Prinzip der Interaktion), werden also gepr\u00e4gt sowohl durch interne und als auch durch externe Rahmenbedingungen. Eine Folge davon ist, dass alles, was eine Person erlebt, stark davon abh\u00e4ngt, was andere Personen und sie selbst vorher schon getan haben.<\/p>\n<p>Entwickelt man in einer Situation eine Absicht (und handelt nicht einfach impulsiv), dann l\u00e4uft ein dreischrittiger Prozess ab: (1) Wahrnehmung der Umgebung (2) Erinnerung an \u00e4hnliche Situationen und an Ratschl\u00e4ge, die man von anderen Personen erhalten hat, (3) Kombination von Wahrnehmung und Erfahrung.<\/p>\n<p>Durch den Lernprozess expandiert oder kontrahiert die Welt, in der die Person lebt, von Erfahrung zu Erfahrung, von Situation zu Situation. Nicht jede Erfahrung ist eine g\u00fcnstige Erfahrung. Beispielsweise kann eine Erfahrung dazu f\u00fchren, dass sich eine Routine ausbildet. Grunds\u00e4tzlich sind Routinen n\u00fctzlich, sie k\u00f6nnen aber zur Folge haben, dass die Person das Lernpotential zuk\u00fcnftiger Situationen nicht mehr aussch\u00f6pft. Ihre Welt wird auf diesem Weg enger oder kleiner. Oder es kann sein, dass verschiedene, aufeinander folgende Erfahrungen zwar je f\u00fcr sich \u201einteressant\u201c sind, aber nicht als zusammenh\u00e4ngend erlebt werden. Dann entstehen unzusammenh\u00e4ngende Wissensinseln, unverbundene Gewohnheiten, von denen manchmal die eine, manchmal die andere durchschl\u00e4gt.<\/p>\n<p>In seinen Worten:<\/p>\n<p>\u201eThe statement, that individuals live in a world, means, in the concrete, that they live in a series of situations. \u2026 It means, once more, that interaction is going on between an individual and objects and other persons. The conceptions of situation and of interaction are inseparable from each other. An experience is always what it is because of a transaction taking place between an individual and what, at the time, constitutes his environment \u2026\u201c<\/p>\n<p>\u201e\u2026every experience enacted and undergone modifies the one who acts and undergoes, while this modification affects, whether we wish it or not, the quality of subsequent experiences \u2026\u201c\u201eIn a word, we live from birth to death in a world of persons and things which in large measure is what it is because of what has been done and transmitted from previous human activities. When this fact is ignored, experience is treated as if it were something which goes on exclusively inside an individual\u2019s body and mind. It ought not to be necessary to say that experience does not occur in a vacuum. \u201c<\/p>\n<p>\u201eThe formation of purposes is, then, a rather complex intellectual operation. It involves (1) observation of surrounding conditions; (2) knowledge of what has happened in similar situations in the past, a knowledge obtained partly by recollection and partly from the information, advice, and warning of those who have had a wider experience; and (3) judgment which puts together what is observed and what is recalled to see what they signify.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAs an individual passes from one situation to another, his world, his environment, expands or contracts \u2026\u201c\u201eFor some experiences are mis-educative. Any experience is mis-educative that has the effect of arresting or distorting the growth of further experience. \u201c\u201eAgain, experiences may be so disconnected from one another that, while each is agreeable or even exciting in itself, they are not linked cumulatively to one another \u2026 Each experience may be lively, vivid, and \u201ainteresting\u2018, and yet their disconnectedness may artificially generate dispersive, disintegrated, centrifugal habits.\u201c<\/p>\n<p>Deweys Schlussfolgerungen auf diesem Hintergrund sind unter anderem die folgenden:<\/p>\n<ul>\n<li>Dass die Lernenden dadurch lernen, dass sie Erfahrungen machen (Interaktion), und dass dabei ihre bereits vorhandenen Erfahrungen eine wichtige Rolle spielen (Kontinuit\u00e4t), kann man nicht \u00e4ndern. Damit muss man als Lehrperson leben.<\/li>\n<li>Was man aber beeinflussen kann, ist welche neuen Erfahrungen die Lernenden machen. Der Wissensvorsprung der Lehrperson gegen\u00fcber den Lernenden zeigt sich darin, dass die Lehrperson geeignete Lernsituationen kreiert.<\/li>\n<li>Ausgangspunkt sind die bereits vorliegenden Erfahrungen der Lernenden, die oft aus dem allt\u00e4glichen Umfeld stammen.<\/li>\n<li>Man kann nur erkennen, von welchen Erfahrungen die Lernenden ausgehen, wenn man ihnen eine gewisse Freiheit l\u00e4sst, nicht einfach nur zu tun, was man f\u00fcr sie als richtig erachtet.<\/li>\n<li>Im Ausbildungsprozess geht es darum, die Erfahrungen der Lernenden langsam neu zu organisieren, bis die Organisation der eines Experten, einer Expertin gleicht.<\/li>\n<li>Die Wissensorganisation von Experten und Expertinnen kann also nie der Ausgangspunkt sein, muss aber als Ziel immer im Auge behalten werden<\/li>\n<\/ul>\n<p>\u201eBut it is a mistake to suppose that the mere acquisition of a certain amount of arithmetic, geography, history, etc., which is taught and studied because it may be useful at some time in the future, has this effect, and it is a mistake to suppose that acquisition of skills in reading and figuring will automatically constitute preparation for their right and effective use under conditions very unlike those in which they were acquired. \u201c<\/p>\n<p>Die Begrifflichkeit des <a href=\"http:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/iml2\/\">IML<\/a> und Deweys Vorstellungen lassen sich in vielen Punkten gut \u00fcbereinander legen. Seine Beschreibung des Erfahrungslernens deckt sich mit dem <a href=\"http:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/iml2\/wissenssysteme\/situatives-system\/\">situativen Wissenssystem<\/a> im IML. Er arbeitet dabei verschiedene Schw\u00e4chen oder Gefahren dieses Systems heraus, wie die unter Umst\u00e4nden <a href=\"http:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/iml2\/wissen-aufbauen\/lernwege\/alte-gewohnheiten-loswerden\/\">ung\u00fcnstige Dominanz alter Gewohnheiten<\/a> oder die Gefahr von Wissensinseln, von unverbundenen Gewohnheiten.<\/p>\n<p>Auch seine hier zusammengestellten Schlussfolgerungen f\u00fcr die Organisation von Lernen decken sich mit den Schlussfolgerungen, welche sich <a href=\"http:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/?page_id=532\">aus dem IML ergeben<\/a>. Beispielsweise entspricht die Forderung, dass die die Wissensorganisation von Expertinnen und Experten nicht Ausgangspunkt aber Ziel einer Ausbildung sein kann, der Funktion der <a href=\"http:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/?page_id=492\">Strukturierung<\/a> (des situativen Wissens mittels deklarativer Konzepte) im IML.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zum IML arbeitet Dewey aber nur mit einem Wissenssystem. Andere Arten von Wissen wie etwa das <a href=\"http:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/iml2\/wissenssysteme\/deklaratives-system\/\">deklarative System<\/a> finden keine Erw\u00e4hnung (<em>zumindest im hier zu Grunde liegenden Buch; ich bin kein Dewey Experte und lasse mich gern korrigieren<\/em>). Auch was andere Personen sagen, ist bei ihm ganz klar Teil der erlebten Situationen: \u201e\u2026 whether the latter consists of persons with whom he is talking about some topic or event, the subject talked about being also a part of the situation\u201c. Grunds\u00e4tzlich steht das in keinem Widerspruch zum IML. Auch aus der Sicht des IML werden deklarative Wissensst\u00fccke erinnert, indem man sich an die Situation erinnert, in der diese Wissensst\u00fccke erworben bzw. gebraucht wurden. Der Unterschied liegt nur darin, dass das IML postuliert, dass solche \u00c4usserungen anderer Personen in einem speziellen Format abgelegt werden, sofern sie verstanden wurden. Dadurch haben sie andere Eigenschaften, als etwa die (situative) Erinnerung daran, dass die entsprechende Person in jenem Moment sehr ver\u00e4rgert war.<\/p>\n<p>Dewey macht zwar an einigen Stellen Anmerkungen, die in Richtung einer Unterscheidung von Erinnerung an eine Situation und Erinnerung an dort erworbenes deklaratives Wissen gehen. Beispielsweise spricht er beim Schritt zwei des zielgerichteten Vorgehens davon, dass hier \u201eknowledge of what has happened in similar situations in the past, a knowledge obtained partly by recollection and partly from the information, advice, and warning of those who have had a wider experience\u201d einfliesst, also Wissen, das z.T. aus Erinnerung an Geschehnisse in vergangenen Situationen und z.T. aus Informationen, Ratschl\u00e4gen und Warnungen anderer Personen besteht. Er f\u00fchrt dann aber (<em>zumindest im hier zu Grunde liegenden Buch<\/em>) nicht weiter aus, wie er sich das Zusammenspiel dieser beiden Wissensquellen vorstellt.<\/p>\n<p>Nach den Annahmen des IML ist dieses keineswegs unproblematisch. Das Wissen des situativen Systems kann via Analogien genutzt werden (\u00e4hnlich vorgehen wie in \u00e4hnlichen vergangenen Situationen). Das deklarative Wissen (Informationen, Ratschl\u00e4ge, Warnungen etc.) hingegen muss erst im Hinblick auf die neue Situation situiert werden. Das gelingt meist erst richtig, wenn man damit einige Erfahrungen gemacht hat, also situatives Wissen dazu erworben hat, wie bestimmte deklarative Wissenst\u00fccke zu gebrauchen sind.<\/p>\n<p>Das IML steht aus meiner Sicht nirgends zu Deweys Vorstellungen zum Lernen auf der situativen Ebene im Widerspruch. Viele seiner Bilder \u2013 bspw. dass die Welt der Lernenden auf Grund der gemachten Erfahrungen expandiert oder kontrahiert \u2013 beschreiben anschaulich Dinge, welche das IML nur andeutet. Das IML geht aber \u00fcber Dewey hinaus. Es will \u00fcber das Lernen aus Erfahrung hinaus helfen, das <a href=\"http:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/?page_id=515\">Zusammenspiel von Erfahrung und Instruktion<\/a> zu gestalten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Quelle: Dewey, J. (1938). Experience And Education. New York, Macmillan. 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