{"id":2536,"date":"2013-12-19T11:51:28","date_gmt":"2013-12-19T10:51:28","guid":{"rendered":"http:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/?page_id=2536"},"modified":"2013-12-19T11:54:11","modified_gmt":"2013-12-19T10:54:11","slug":"psychoanalyse-in-der-interpretation-von-lorenzer","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/iml2\/verwandte-modelle\/psychoanalyse-in-der-interpretation-von-lorenzer\/","title":{"rendered":"Psychoanalyse in der Interpretation von Alfred Lorenzer"},"content":{"rendered":"<p>Quelle: Lorenzer, A. (1973) Sprachzerst\u00f6rung und Rekonstruktion. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.<\/p>\n<p>Lorenzer versucht in diesem Buch zu ergr\u00fcnden, wie Psychoanalyse funktionieren kann. Wie es den Analytikern und Analytikerinnen m\u00f6glich zu verstehen, was bei ihren Patienten im Unbewussten passiert?<\/p>\n<p>\u00dcber verschiedene Schritte kommt er zu folgendem Bild:<\/p>\n<ul>\n<li>Was die analysierte Person antreibt, ihr Verhalten formt, sind fr\u00fcher einmal erlebte Szenen bzw. Situationen.<\/li>\n<li>Wenn diese Erinnerungen bewusst zug\u00e4nglich sind, kann sich die Person entscheiden, ob sie sich von der Erinnerung leiten lassen will oder nicht.<\/li>\n<li>Es kann aber geschehen, dass solche Erinnerungen aus dem Bewusstsein verschwinden, \u201everdr\u00e4ngt\u201c werden. Wenn diese der Fall ist, bleiben sie trotzdem wirksam, d.h. sie bestimmen das Verhalten nach wie vor. Nur geschieht das automatisch. Die Erinnerung setzt sich sozusagen hinter dem R\u00fccken des Bewusstseins durch \u2013 beispielsweise als Zwangsneurose.<\/li>\n<li>An Stelle der Erinnerung an die \u201eUrsituation\u201c dr\u00e4ngen sich Erinnerungen an Decksituationen auf.<\/li>\n<li>Aus dem, was die analysierte Person erz\u00e4hlt \u2013 Tr\u00e4ume, Deckerinnerungen, frei Assoziationen jeder Art \u2013 kann die Analytikerin nicht direkt auf die dahinter liegende \u201eUrsituation\u201c schliessen.<\/li>\n<li>Sie steht aber in Interaktion mit der analysierten Person und nimmt damit an der Situation, an der Szene teil.<\/li>\n<li>Da sie sich selbst gut kennt, kann sie aufgrund ihrer Reaktionen zu Vermutungen kommen, welche Szene zwischen ihr und der analysierten Person in Form von \u00dcbertragung und Gegen\u00fcbertragung \u201egespielt\u201c wird.<\/li>\n<li>Treffen ihre Interpretationen zu, so kommen bei der analysierten Person die zugedeckten und verdr\u00e4ngten Situationen allm\u00e4hlich ins Bewusstsein zur\u00fcck.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Grundidee, dass n\u00e4mlich fr\u00fcher einmal erlebte Situationen das Verhalten formen, entspricht zwanglos der Grundannahme des IML, dass das situative Wissen das handlungsleitende Wissen ist. Sofern sich eine Person dieses Hintergrunds bewusst ist oder sich diesen bewusst macht (<a href=\"http:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/?page_id=476\">Reflektieren in der Situation<\/a>), kann sie selbstverst\u00e4ndlich entscheiden, sich anders als damals zu verhalten. Allerdings geht auch das IML davon aus, dass dies nicht immer ganz einfach ist, und dass vor allem in Drucksituationen sich <a href=\"http:\/\/hrkll.ch\/WordPress\/?page_id=528\">alte Gewohnheiten<\/a> immer wieder durchsetzen.<\/p>\n<p>Auch die Idee der Deckerinnerung findet Platz im IML. Lernt jemand beispielsweise in der Berufsfachschule, dass man eine bestimmte berufliche Handlungssituation mit Hilfe des Satzes des Pythagoras bew\u00e4ltigen kann, dann wird er\/sie sich bei Bedarf im beruflichen Alltag im g\u00fcnstigen Fall an diese Schulsituation erinnern. Tritt sp\u00e4ter im beruflichen Alltag wieder so eine Situation auf, stehen schon zwei Erinnerungen zu Verf\u00fcgung. Und mit der Zeit kommen immer mehr dazu. Es ist gar nicht unwahrscheinlich, dass dabei die \u201eUrsituation\u201c, d.h. die Schulsituation, immer mehr in den Hintergrund ger\u00e4t und mit der Zeit gar nicht mehr erinnert wird. Die \u201eDeckerinnerungen\u201c, d.h. die Situationen, welche direkt aus dem beruflichen Alltag stammen, sind im beruflichen Alltag einfach relevanter.<\/p>\n<p>Auch die Vorstellung eines externen Beobachters, der jemandem helfen kann, unbewusst wirkende situative Erinnerungen ans Licht zu holen, ist dem IML nicht fremd. Es kann beispielsweise sein, dass ein Dozent beobachtet, wie eine Lehrperson im Unterricht immer wieder in alte Muster zur\u00fcckf\u00e4llt \u2013 also etwa immer wieder eine neue berufliche Berechnungssituation dadurch einf\u00fchrt, dass sie erkl\u00e4rt \u201ewie es geht\u201c anstatt dass sie die Lernenden zuerst selbst einmal ihre Ideen ausbreiten l\u00e4sst. Der Dozent kennt das aus eigenem Erleben. Er hat das selbst passiv als Lernender und aktiv als Lehrperson erlebt und kann auf Grund seines Wissens \u00fcber typische Sozialisationsverl\u00e4ufe etwa vermuten, welche \u201eUrsituation\u201c da wirksam ist.<\/p>\n<p>Neben diesen \u00dcbereinstimmungen bestehen zwei wesentliche Unterschiede zwischen der Psychoanalyse in der Interpretation von Lorenzer und dem IML. Einmal nimmt die Psychoanalyse an, manchmal eine Erinnerung an eine bestimmte Situation nicht mehr <i>bewusstseinsf\u00e4hig<\/i> ist und nur \u00fcber einen langen Prozess wieder zug\u00e4nglich gemacht werden kann. Das IML dagegen nimmt nur an, dass das situative Wissen nicht <i>bewusstseinspflichtig<\/i> ist, d.h. dass zwar Erinnerungen wirksam werden k\u00f6nnen, ohne dass man sich bewusst ist, welche das waren, dass diese handlungswirksamen Erlebnisse aber prinzipiell bewusst zug\u00e4nglich sind, sofern man direkt danach fragt.<\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich w\u00e4re es denkbar das IML um \u201everdr\u00e4ngtes\u201c situatives Wissen zu erweitern. Dazu m\u00fcsste man nach dem Vorbild der Psychoanalyse Bedingungen formulieren, unter denen dies geschieht. Aktuell sehe ich bez\u00fcglich des Haupteinsatzbereiches des IML, der Lehrerbildung, kein Bedarf daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite scheint die Psychoanalyse anzunehmen, dass das Problem gel\u00f6st ist wenn einmal die \u201eUrsituation\u201c wieder bewusst zug\u00e4nglich gemacht wurde. Das IML ist hier skeptischer und erwartet, dass alte Gewohnheiten nicht einfach verschwinden. Sie m\u00fcssen durch neue Gewohnheiten ersetzt werden, d.h. es muss neues, situatives Wissen entstehen, dass im entscheidenden Moment sich mehr in den Vordergrund dr\u00e4ngt, als das alte Wissen, das abgel\u00f6st werden soll. Ohne dass alternatives Verhalten einge\u00fcbt wird, verschwinden alte Muster nicht. Und bis das neue Verhalten auch unter Druck zur Verf\u00fcgung steht, braucht es einige positive Erfahrungen damit. Solange dies nicht der Fall ist, werden sich die alten Muster immer wieder zeigen.<\/p>\n<p>Allerdings ist das IML in einem anderen Aspekt auch optimistischer als die Psychoanalyse. Im IML ist es durchaus denkbar, dass neue Erfahrungen handlungsleitend werden k\u00f6nnen, ohne das die Wurzeln der alten Muster aufgearbeitet werden. Macht jemand mit einem neuen Verhalten positive Erfahrungen, k\u00f6nnen diese dominant werden und die alten Erfahrungen vergessen gehen. Das IML steht hier n\u00e4her bei l\u00f6sungsorientierten Therapieans\u00e4tzen. Vorausgesetzt ist allerdings, dass es gelingt, eine Lernumgebung zu schaffen, in der die alten Muster nicht derart dominant sind, dass sie gar keine neuen Erfahrungen zulassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Quelle: Lorenzer, A. (1973) Sprachzerst\u00f6rung und Rekonstruktion. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. Lorenzer versucht in diesem Buch zu ergr\u00fcnden, wie Psychoanalyse funktionieren kann. 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